Das Logikloch in der Piraten-Idee

Piratischer Logikfehler

Gestern hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem Freund, der ein emsiger Verfechter der Piraten-Idee ist. Musik, Software, Literatur, Filme … alles sollte für umme erhältlich sein. Das Internet gäbe schließlich die Möglichkeiten dafür her und es sei blind, diese Möglichkeiten nicht bis zum Letzten auszunutzen. Außerdem würde man im Internet ja niemanden bestehlen können, denn alles, was dort eingestellt wird, gehöre dort automatisch jedem und würde einfach nur vervielfältigt werden.
Als ich ihn dann fragte, ob das auch für seine Identität, seine Bankdaten nebst entsprechenden Zugangsdaten etc. gelte, sah er mich böse an. Aber damit habe ich es zumindest geschafft, ihn in seinem Redeschwall zu unterbrechen und auch mal zu Wort zu kommen.

Autor X schreibt einen Roman.
Dafür benötigt er einen Rechner, Strom, Software, Zeit.
Alles Dinge, die am Ende Geld kosten.
Dann lässt er seinen Roman verlegen oder investiert selber Geld in Lektorat, Korrektorat, Cover, Satz.
Danach stellt er das Buch zum Kauf online, wofür der Distributor Rechner, Server, Mitarbeiter benötigt, die ebenfalls Geld kosten.
Am Ende ist in dem kleinen Roman von Autor X eine erkleckliche Summe Geld geflossen, um ihn an die Öffentlichkeit zu bringen.
Geld, das mit jedem Verkauf von den zahlenden LeserInnen an die Leute zurückfließt, die Geld in das Produkt gesteckt haben. Dazu kommt ein (in der Regel marginaler) Gewinn, der den Anreiz bildet, sich diese ganze Arbeit überhaupt erst aufzuhalsen.

Jetzt kommt die Piratenseite.
Die Buchbefreier benötigen Soft- und Hardware, um die »befreiten« Bücher online zu stellen. Das kostet Geld. Sie investieren einen Bruchteil der Arbeitszeit des Autoren und dessen nachfolgenden Helfern, um dieses Angebot zu unterbreiten, denn es ist ihr Hobby, es ist ihre Ideologie. Um Geld geht es (vorgeblich) nicht.
Und dennoch sind sie darauf angewiesen, dass ihre Seiten finanziert werden, denn auch ihre Distributoren benötigen Rechner, Server und Mitarbeiter, um den »befreiten« Content ins Netz zu stellen. Dinge, die – wie ich bereits erwähnte – Geld kosten.
Also werden viele Seiten entweder über Spenden, kostenpflichtige Premium-Accounts und / oder Werbung finanziert, damit das entsprechende Geld aufgebracht werden kann, um das »kostenlose« Angebot aufrechtzuerhalten.
Geld, das auch hier am Ende die LeserInnen zahlen. Entweder durch ihre alltäglichen Einkäufe, (Werbung kostet die werbende Firma nämlich Geld. Und das holen sie sich bei der Kalkulation ihrer Verkaufspreise wieder zurück), durch Spenden oder durch kostenpflichtige Premium-Accounts.
Am Ende hat das »befreite und kostenlose« Buch die LeserInnen also doch wieder Geld gekostet,

Wie oft habe ich jetzt das kleine Wörtchen Geld benutzen müssen, während das fiktive Buch vom Autor zu den LeserInnen geflossen ist?
Wo zur Hölle ist da also der Sinn?
Wo ist denn jetzt das Kostenlose, an der Piraten-Idee?
Arbeiten die Netzanbieter der Piraten für umme?
Haben die Anbieter der Netzdiesnte ehrenamtliche Mitarbeiter, die das Netz am Laufen halten?
Wird die für das Internet benötigte Hardware auch ehrenamtlich hergestellt, gewartet, repariert, ausgetauscht?
Bietet den Buchbefreiern irgendjemand kostenlose Zugänge an, stellt ihnen kostenlose Hard- und Software zur Verfügung, ohne dabei im Hinterkopf selber daran zu denken, sich dieses investierte Geld wieder vom Endabnehmer zurückzuholen?

Viele Fragen eine Antwort:
Nö.

Also ist es doch ein Fakt, das Geld IMMER vom Verbraucher zum Anbieter fließt, selbst wenn das jeweilige Angebot angeblich kostenlos ist. Und ob ich jetzt ein Buch, einen Song oder einen Film legal erwerbe und den normalen Verkaufspreis dafür zahle, oder ob ich mir einen Premium-Account auf einer Piratenseite kaufe oder mir die blinkende und piepende Werbung dort antue, zahlen muss ich als Käufer IMMER.
Es ist NIEMALS irgendwo etwas gratis, höchstens auf den ersten Blick billiger.
Also hat die Piraten-Idee doch bereits im Kern ein Logikloch, durch das eine Flotte mittelgroßer Ozeanriesen passt.
Und dieses Logikloch, so das Ende meiner kleinen Argumentationskette gestern, sorgt am Ende dafür, dass zwar eine Handvoll – am eigentlichen Schöpfungsprozess vollkommen Unbeteiligter – an dem fertigen Produkt partizipieren (schmarotzen wäre auch ein passendes Wort gewesen, aber ich konnte mich zurückhalten), aber am Ende der Verbraucher UND der Erschaffer des Produkts, die Dummen sind.
Die Einen haben investiert und bekommen nichts zurück, und die anderen müssen trotzdem zahlen.
Solange es also keine Wirtschaft gibt, die vollkommen auf Geld verzichtet und sämtliche Dienstleistungen und Wertschöpfungen vollkommen ehrenamtlich erzeugt, kann die Piraten-Idee weder überzeugen noch funktionieren, rumpelt sie vor sich hin, wie ein achteckiges Rad, ist sie wie der Eimer in dem berühmten Lied von dem August der zum Brunnen ging, um Wasser zu holen.

»Du hast das Internet und die neue Welt einfach nicht verstanden! Du bist ja sowas von retro und von Vorgestern …«, sagte mein Freund, stand auf und verließ ohne ein weiteres Wort meine Wohnung.
Und seitdem bin ich ins Grübeln geraten.

Bin ich wirklich so retro und altbacken? Habe ich damals in VWL und BWL nicht aufgepasst, als es um den Kreislauf des Geldes, Sinn und Zweck eines Unternehmens und ähnlicher Themen ging? Teufel auch, sollte ich meinem Arbeitgeber nicht anbieten, ab sofort für lau zu arbeiten, weil mir mein Job ja ach so viel Spaß macht? Und die Kunden, die ich betreue … sollte ich denen unsere Waren nicht auch kostenlos anbieten, damit sie wiederum ihre Waren kostenlos weitergeben, um damit eine Kette an Ereignissen in Gang zu setzen, an deren Ende eine Weltrevolution steht, die darin gipfelt, dass alles jedem gehört, jeder Mensch ehrenamtlich arbeitet und Geld nur noch zur Ritzenreinigung nach dem Stuhlgang nützlich ist?
Er wird mich dafür entweder knuddeln und mich umgehend zum Mitarbeiter des Jahres erklären, oder er wird die Männer mit den weißen Jacken, dem freundlichen Lächeln und den muskelbepackten Armen anrufen, die mich davon überzeugen wollen, dass alles wieder gut wird, sobald sie mir diese unscheinbare Spritze in den Po gejagt haben.

Wenn dieser Blog also demnächst verwaist … bin ich nur kurz auf Erholungsurlaub.
Und träume von einer kostenlosen Welt 😉

D.J.Franzen

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