Ein Kölner in Düsseldorf

Oder
Meine Odyssee durch die Verbotene Stadt

Freitag, 14:15 Uhr
Frohen Mutes, ausgestattet mit einer Wegbeschreibung vom großen Gockel, mache ich mich mit meinem treuen Gefährt auf den Weg in die »verbotene Stadt«. Greencard, Enthusiasmus und eine gehörige Portion Lampenfieber liegen griffbereit neben mir.

Freitag 15:20 Uhr
Die ersten Ausläufer der Verbotenen Stadt. Eine erste Ahnung, wie man sich als Kölner in Düsseldorf fühlt, bekomme ich dank der unzähligen Autofahrer, die sich durch mein Nummernschild anscheinend arg belästigt fühlen.

Freitag 15:30 Uhr
Südring in Düsseldorf. Dagegen ist der Nürburgring eine Krabbelgruppe für Fahranfänger. Ich halte mich auf der linken Spur, wie ich es mir notiert hatte.
Dann der Hammer. Etwa 100 Meter vor mir hat ein Einheimischer eine Panne. Er blockiert die weiter geradeaus führende Fahrspur. Auf den Mittelstreifen wechseln? Vergisses! Den Kölner lassen wir nicht rein und drängeln gleichzeitig von hinten mit Lichthupe und derart dichtem Auffahren, dass wir seine Nasenhaare in seinem Rückspiegel erkennen können. Okay, dann eben nicht. Ich kenne es aus Köln, dass man notfalls einen U-Turn fahren kann, wenn man eine Ausfahrt oder Ähnliches verpasst hat.
Also notgedrungen auf die Linksabbiegerspur und den Bogen gefahren.
Ich rechne nicht mit der unlogischen Logik der Düsseldorfer Verkehrsplaner.
Es gibt in der Verbotenen Stadt nur eine Richtung, die mich frappierend an einen alten Wahlspruch der SED erinnert:
Vorwärts immer, rückwärts nimmer!

Freitag 16:30 Uhr
Die Folgen des erzwungenen Abweichens meiner geplanten Route bekomme ich dadurch zu spüren, dass ich mich nach der falschen Abfahrt in einem Chaos aus Baustellen, Großbaustellen, Dränglern, Klein-Schummis und einem Gewirr aus einer »halb-rechts-halb-links-drei-fallen-lassen-Strickmuster-Verkehrsführung« wiederfinde.
Ich sehe mehr von Düsseldorf, als ich eigentlich geplant hatte.
Wenn ich Passanten, oder sogar Taxifahrer (!), nach einem Ausweg aus diesem Dilemma befrage, folgt erst ein verstohlener Blick auf mein Kennzeichen, dann ein Schulterzucken und die lapidare Auskunft: »Keine Ahnung.«

Freitag 17:00 Uhr
Irgendwo in dem Düsseldorfer Strickmuster, dass die Verkehrsplaner der Landeshauptstadt so hochtrabend »Verkehrsführung« nennen.
Ich stehe auf einem Parkplatz und versuche verzweifelt meinen Verleger oder den Veranstalter der Infection zu erreichen. Fehlanzeige. Ich bin im Bermudadreieck verschollen und habe keinen Funkkontakt zu den Rettungsmannschaften.
Anruf daheim.
Meine Frau ruft im Hilton an, damit die meinen Verleger ausrufen könnten, damit er
a) dem Veranstalter Bescheid geben und
b) mich vielleicht irgendwie lotsen könnte.
»Wir können leider niemanden ausrufen.«
Dann die Frage meiner Frau nebst der Auskunft, wo genau ich stehe, ob man ihr nicht irgendwie sagen könnte, wie ich zu fahren hätte.
»Tut mir leid, aber wir liegen hier mitten einem Dreieck aus Baustellen. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen da helfen könnte.«
Erster Frust macht sich bei mir breit.

Freitag 17:30 Uhr
Den Flughafen, das Stadion, die Altstadt, die KÖ kenne ich inzwischen aus der Sicht des genervten Autofahrers zur Genüge. Kontakt zu meinem Verleger konnte ich herstellen, aber auch er ist ratlos, wie er mich lotsen soll.

Freitag 18:00 Uhr
Die Eröffnungszeremonie geht los und ich stehe in der Innenstadt irgendwo im Stau.
Tränen der Wut und der Verbitterung brennen in meinen Augen.
»Stell dir vor, da kommen Leute auf eine geniale Con, Menschen, die auch DICH sehen wollen … und du kannst nicht kommen!«
Wenn ich mir je gewünscht habe, dass ich über die Fähigkeiten der Kids aus meinen Romanen verfügen würde … dies ist so ein Moment.
Ich will Köpfe platzen lassen.
Gott straft kleine Sünden, und seien es auch nur böse Gedanken, umgehend.
Kaum ist die letzte Silbe meines unseligen Wunsches in meinem Kopf verhallt, als mir ein Einheimischer von rechts hinten in diesem Stau auffährt. Ein kurzer Rumms, ein Ruck … Unfall.

Freitag 18:15 Uhr
Die Sache ist schnell geklärt. Ein geborstener Blinker bei ihm und eine kaputte Stoßstange bei mir.
Vor uns ein Stau in der Innenstadt, welcher der A1 zu ihren besten Zeiten zur Ehre gereichen würde.
Ein letztes Telefonat mit meinem Verleger.
Ich stehe irgendwo im Nirgendwo des Düsseldorfer Verkehrsführungsstrickmusters, mitten in einem Stau, mein Auto ist beschädigt, die Infection läuft … und ich habe nicht den Hauch einer Chance noch irgendwie dort anzukommen.
Dort sind Menschen, die auch deshalb gekommen sind, um mich zu sehen, mit mir zu reden, ihre Bücher signieren zu lassen … und ich muss sie enttäuschen.

Freitag 20:30 Uhr
Ein gebrochener Autor kommt nach Hause.
Die Enttäuschung und die Scham, dass ich meine Fans unfreiwillig versetzt habe, frisst sich wie ein heftiges Grippevirus durch mich hindurch.

Samstag 8:20 Uhr
Nach einem kurzen Gastspiel auf der Arbeit, wo ich ein paar Überstunden ableisten wollte, wieder nach Hause. Das Grippevirus der Enttäuschung und Verbitterung sitzt immer noch in meinen Knochen.
FB aufgemacht.
Eine Nachricht vom Verleger.
»Mensch, Mensch. Bist du noch gut heimgekommen? Ich packe gerade die letzten Sachen und mach mich dann auf den Weg.«
Moment!
Harald ist heute da?
Meine Frau liest die Nachricht, die ich anstarre und fasst in Worte, was ich einfach nicht sehen kann:
»Ruf ihn an und frage, ob du wenigstens heute noch kommen darfst. Dann macht ihr einen Treffpunkt aus, du fährst ihm mit der S-Bahn entgegen, er sammelt dich ein, und du kannst wenigstens für ein paar deiner Fans noch da sein.«
Habe ich schon erwähnt, dass ich meine Frau liebe?
Nicht?
Na dann, jetzt ist es offiziell 😀
Harald ist begeistert und fragt bei den Veranstaltern vor Ort nach. Klar, kein Problem!
Treffpunkt Neuss-Süd, S-Bahn Haltestelle.

Samstag gegen 13.00 Uhr
Ich komme endlich auf die Infection und da sind tatsächlich ein paar Fans meiner Serie.
Ich muss schlucken, denn in meinen Augen brennt es verdächtig.
Vor Freude.
Verdammt, ich habe tatsächlich die besten Fans der Welt! Die warten auf mich.
Womit, in Gottes Namen, habe ich das verdient?

Samstag, gegen 21:25 Uhr
Ein überglücklicher, vor Freude siegestrunkener Autor, kehrt heim.
Viele Bücher signiert, tolle Gespräche geführt, superheftich tolle Fans kennenlernen dürfen, viel gelacht und mit ihnen albern können, Michael Rooker die Hand geschüttelt, ein Autogramm von ihm erhalten, noch mehr tolle Fans kennenlernen dürfen und Kontakte geknüpft.

Sonntag, 11:11 Uhr
Habe ich schon gesagt, dass ich die besten Fans der Welt habe?
Nicht?
Macht nichts, denn jetzt wisst ihr es ganz offiziell.
Ihr seid einfach klasse!
Und dafür möchte ich euch einfach nur danken.

D.J.Franzen














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