Zeitmanagement

oder
Die Verführung der Leser

Wenn man davon ausgeht, dass wir alle ja schon in der Schule Lesen und Schreiben lernen, ist das Verfassen eines Romans oder einer Kurzgeschichte im Grunde doch nichts anderes, als einen Aufsatz mit dem Thema »Meine letzten Sommerferien« zu schreiben. Nicht mehr als eine Klassenarbeit, die wir in einer Doppelstunde Deutsch mit der Hand runterrasseln. Dazu kommt, dass wir ja schon erwachsen sind, und weder Füller und Tintenkiller, noch Bleistift oder Kugelschreiber als Werkzeuge für diese Aufgabe zugewiesen bekommen.
Nein, wir dürfen tippen.
Auf dem Computer, wo uns etliche Hilfen und Werkzeuge zur Verfügung stehen.
Geht doch viel schneller, einfacher und bequemer, als mit aus dem Mundwinkel hängender Zungenspitze und tief gefurchter Stirn die schönste Sonntagsschrift aufs Papier zu malen, damit wir wenigstens dadurch beim Lehrer punkten können, wenn wir schon das Thema total verpassen.
Also ist das Schreiben von Unterhaltungsliteratur doch etwas, dass man zwischen Feierabend und Abendessen mit der Familie (alternativ einem Treffen mit Freunden) unterbringen kann, oder?
Es tut mir leid, aber diesen Nimbus möchte ich zerstören.
Schreiben und Schreiben ist nämlich zweierlei.

Einen Geschäftsbrief kann ich mit oder ohne Bausteine schnell mal runterrasseln. Der braucht keine Seele und keinen Unterhaltungswert, der muss einfach nur fix auf den Punkt kommen und relevante Informationen gebündelt präsentieren. Drei Seiten in 80 Sekunden, das ist in etwa die Vorgabe, die inzwischen allgemein in Firmen gilt.
Eine gute Geschichte aber, die ist so ein wenig wie eine Verführung in einer Bar. Ein Balz- und Imponiergehabe, ein Tanz mit Worten und Gesten, welche das Ziel haben, den oder die Auserkorene in die Kiste zu bekommen. Versuchen Sie mal in 80 Sekunden eine wildfremde Person dazu zu bewegen, sich die Klamotten vom Leib zu reißen und sich mit Ihnen durch die Laken zu wälzen 😀
(Und nicht mogeln, ich komme mit der Stoppuhr vorbei 😉 )

Unterhaltsames Schreiben soll also die Leser verführen, an die Hand nehmen, und letztendlich in eine andere Welt entführen, die nur aus Worten besteht. Worten, die im besten Fall das Kopfkino des Lesers mit bunten Bildern füllen. Und das kostet Zeit.
Sicher, wer extrem selbstbewusst ist, der fragt an der Bar einfach: »Genug gelabert. Willste Sex haben?«
Klar, kann auch zum Erfolg führen.
Aber die Geschichte, egal ob Roman oder Kurzgeschichte, die so plumpdreist verfasst wurde, UND bei den Lesern ankommt, die möchte ich gerne noch finden.
»So was gibt es aber schon!«, höre ich die ersten Stimmen aus dem Hintergrund.
Falsch!
Es soll nämlich nur so wirken, als wäre diese Geschichte so geschrieben worden!
Das ist ein Teil der Magie, die eine gute Geschichte ausmacht: Sie wirkt wie von leichter Hand in einem Rutsch heruntergetippt, ist wie ein leichter Verführungstanz, voll mit lockeren Komplimenten, immer den richtigen Gesten, den richtigen Blicken, den richtigen Worten zur richtigen Zeit und wir landen als Leser prompt im (gedachten) Bett des Autors und laufen lachend und staunend, weinend und liebend, kämpfend und feiernd durch die Welt, der er vor uns ausbreitet.
Mit anderen Worten:
Der Autor hat uns verführt, wir haben uns die Klamotten vom Leib gerissen und … nun ja 😉
Ich bin mir sicher und schwöre Uhr und Urkunde, dass gerade in diesen Geschichten, die sich so locker-fluffig lesen lassen, mehr Arbeitsstunden und Hirnschmalz stecken, als man ihnen ansieht und am Ende auch ansehen soll.

Und woher nehmen sich die Damen und Herren Autorinnen und Autoren die Zeit für solche Verführungen?
Ganz einfach:
Als Erstes haben sie Partner und Partnerinnen, die damit leben können, dass die Damen und Herren AutorInnen manchmal etwas abwesend wirken. Diese Partnerinnen warten dann einfach ab, bis wir wieder »auftauchen« und freuen sich mit uns, wenn wir wieder mal eine neue Verführung zu Papier gebracht haben. (Solche Partner sind für Kreative ganz allgemein unbezahlbar, und wir sollten den Boden vergolden, über den diese Menschen wandeln!)
Als zweites versuchen sich die AutorInnen irgendwie diese Zeit zu nehmen, um konzentriert zu schreiben. Vor der Arbeit am frühen Morgen, zwischen Einkauf und großer Wäsche aus’m Urlaub, nach Feierabend, während die Familie auf sie wartet, oder nachts, wenn alles schläft. Sie vergessen manchmal Verabredungen, Hochzeitsfeiern, Taufen oder Stammtischtreffen, reagieren mit einem erschrockenen oder verblüfften »Hä? Wasslos?«, wenn sie wie die Präzisionsschützen vor ihren Monitoren hocken und plötzlich angesprochen werden.
Und ja, manchmal schlagen sie auch Einladungen aus, weil es einfach nicht machbar ist, zwischen Job, Nachhilfeunterrricht für den Nachwuchs, Überstunden, Bügeln, Pflichtveranstaltungen der Firma, Familienfeiern und Schreiben, noch mehr reinzuquetschen. Einfach deshalb, weil sie sonst keine Zeit mehr hätten, um konzentriert an der Verführung ihrer Leserinnen und Leser zu arbeiten.

Ja, die Verführung eines zahlenden Lesers ist Arbeit.
Harte Arbeit.
Zeitraubende Arbeit.
Aber es ist für jeden Autor ein unvergleichliches Erlebnis, wenn er erlebt, wie seine Mühen auf fruchtbaren Boden fallen, seine Figuren und seine Welten bei den Menschen, die er verführen will, zu leuchtenden Augen führen. Dann könnten wir die Welt umarmen und den Leonardo diCaprio oder die Kate Winslet auf der Titanic geben.
Dafür schreiben wir.
Um die Leser zu verführen.

Wenn Sie also jemanden kennen der schreibt, um Sie zu unterhalten, dann haben Sie bitte Nachsicht, wenn er mal eine Einladung verpasst oder ablehnt. Seien Sie nicht böse, wenn er auf Partys oder Familienfeiern geistig abwesend wirkt, oder auf Mails oder Anrufe verspätet reagiert. Das ist dann keine Arroganz oder Gleichgültigkeit, sondern dann ist dieser Mensch vielleicht gerade dabei, sich eine neue Verführung auszudenken.
Für Sie.

Ich wünsche allen Lesern meines Blogs ein wenig verfrüht ein tolles Wochenende mit wunderschönen Verführungen (die hoffentlich länger andauern, als 80 Sekunden 😉 ), denn auch ich werde mich jetzt daran machen, mir eine neue Verführung für Sie auszudenken.

D.J.Franzen

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Zeitmanagement

  1. Pingback: Zeitmanagement | Bernhard Giersche - Schriftsteller

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s