Recherche …

… ist wohl eines der unangenehmsten Worte, die Autoren zu hören bekommen. Ich vermute einfach mal, es kommt dicht gefolgt von »Schreibblockade«

Recherche alleine, das hat schon so etwas von »Hefte raus, wir schreiben eine Klassenarbeit!«
Blasse Gesichter, leises Gemurre … jetzt heißt es Farbe bekennen.
Ich gestehe, auch ich dachte einst – meist im Zusammenhang mit den goldenen Worten »Schreib nur über das, was du kennst« – dass Recherche ein großes, böses Monster sei, das Zeit und Geld und Nerven frisst und mindestens ein abgeschlossenes Studium in mehreren Fachbereichen erfordert.
Dabei kann man aber beides, also diese goldenen Worte und die Recherche, wunderbar miteinander in Einklang bringen. Auch ohne Studium.
Um über einen Mord zu schreiben, muss man keinen begangen haben.
Um über schräge Gestalten mit dem Ausweis eines Kommissars zu berichten, muss man kein Polizeibeamter sein.
Sicher, das sind Voraussetzungen, welche die Schreibarbeit an derartigen Geschehnissen in einem Roman ungemein erleichtern. Aber Hand aufs Herz:
Ist wirklich jedem die Karriere als Autor soviel wert, dass er dafür einen Mord begeht oder sich schon früh für eine Laufbahn als Gesetzeshüter entscheidet?
Nein.
Schräge Gestalten treffen wir jeden Tag. In der Bahn, in der Kneipe und manchmal auch auf der Arbeit. Über die Arbeit eines Ermittlers kann man sich unterhaltsam informieren. Das nennt sich dann »True crime« und füllt ganze Regalmeter und Megabyte an Speicherplatz beim Buchhändler Ihres Vertrauens, egal ob um die Ecke oder online. Man kann aber auch die entsprechenden Fachleute um Rat und Hilfe bitten.
Über nichts reden die Menschen so gerne, wie über ihren Beruf.
klingt komisch, ist aber so.
Wenn sie also über einen Versicherungsvertreter schreiben wollen, setzen Sie einen Kaffee auf, polieren Sie das gute Service und backen Plätzchen, bevor Sie den Vertreter Ihrer Wahl anrufen.
Sie werden staunen, was sie da alles erfahren 😉

Recherche ist aber auch ein zweischneidiges Ding. Wer sie als Autor 1:1 umsetzt, zum Beispiel um den perfekten Mord zu inszenieren, kann sich schnell in die Bredouille bringen. Es ist also oftmals angebracht, die Ergebnisse der Recherche abgeschwächt, ummantelt oder mit einem Fehler zu verarbeiten. Das sichert dem Autor die Nachtruhe und schützt ihn vor Klagen.
Wenn sie also kleine Fehler in der Recherche eines Autors zu erkennen glauben, dann bedenken Sie bitte Folgendes:
Wenn ein Mord perfekt ist, wie soll der Ermittler ihn in dem Roman denn je aufklären?

Manchmal kommt die Recherche aber sogar ganz von alleine auf einen zu, ohne das man es merkt oder überhaupt daran denkt. Ein Erlebnis, ein besonderes Geschehen und manchmal auch ganz alltägliche Dinge. Und so gehe ich persönlich meine Recherche meistens an, dieses ominöse Ding, das über den Köpfen aller Autoren schwebt, wie ein Damoklesschwert, das beim kleinsten Fehler auf uns herabsausen kann.
Ich gehe mit den offenen Augen eines Kindes, seinen großen Ohren und vor allem mit offenem Herzen durchs Leben. Dabei schnappe ich mehr grundlegende Recherche (und auch Ideen zu Figuren und Szenen) auf, als ich jemals bewusst umsetzen kann. Ich nenne das für mich »alltägliche Recherche«.
Das ist die Recherche, die von ganz alleine kommt.
Dagegen bin ich machtlos.
Notwendiges Fachwissen einzuholen, ist dann schon keine Arbeit mehr, weil im Hintergrund schon eine Idee brennt. Das ist dann nicht mehr so, wie in der Schule, wo der Lehrer eine Deadline setzt, zu der ein Referat geschrieben werden muss, sondern einfach nur ein Vertiefen in die Welt, die ich da entwerfe. Fachbücher, Gespräche … erlaubt ist, was am Ende weiterhilft.

Sie sehen schon, Recherche ist kein böses Monster. Und die alltägliche Recherche ist zugleich auch eine entschleunigte Recherche.
Hektik gibt es im ausreichenden Maße auf der Welt, da kann man doch das Schreiben von Märchen für Erwachsene langsamer und konzentrierter angehen, wie ich finde.
Die Story, die am Ende rauskommt, kann dabei nur gewinnen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Besuchern meines Blogs eine entschleunigte Woche.
Und wenn Sie auch schreiben … hören, lesen, sehen, fühlen, schmecken Sie aufmerksam (oder setzen sie eine Kanne Kaffee auf, bevor es an der Tür klingelt)
Irgendwann können Sie diese »Recherche« gewinnbringend einsetzen.

D.J.Franzen

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