Vampire …

Mythos, Krankheit … oder doch Wahrheit?
I. Teil der Artikelserie

Wohl kaum eine Figur der Fantastik ist so beliebt, wie der Vampir. Ob adliger Blutsauger mit einem gewissen Charme, hässliches Schattenwesen mit verzerrten Gesichtszügen oder depressiv-melancholischer Held, der Vampir erfreut sich nicht erst seit seiner literarischen Geburt durch Bram Stoker einer großen Beliebtheit. Doch was macht einen Vampir aus, und wo liegt der Ursprung der Legenden über diese Wesen?
Bei meinen Recherchen zu einem neuen Buchprojekt bin ich auf teilweise beunruhigende Zusammenhänge und Legenden gestoßen, in denen sich Dichtung und Fakten zu einem Bild vermischen, in der man die beiden Welten der Fiktion und der Wissenschaft nicht mehr klar voneinander trennen kann.
Folgen Sie mir, wenn ich Ihnen innerhalb von vier kurzen Artikeln die Ergebnisse meiner Recherchen präsentiere und »von dem Kauen und Schmatzen der Todten in Gräbern« *berichte.
(*Titel der Dissertation von Michael Ranft, *1700 + 1774)

Der erste Vampyr
Bereits über die Wurzeln des Wortes Vampir herrscht in weiten Teilen der Wissenschaft noch Uneinigkeit, wobei allerdings als gesichert angesehen wird, dass dieses Wort bzw. diese Bezeichnung aus einer der slawischen oder baltischen Sprachen herrührt. Ein Vampir, früher auch Vampyr geschrieben, ist demnach auch vom Wortursprung her in erster Linie eine blutsaugende Nachtgestalt, meist ein wiederbelebter Toter, der sich ausschließlich vom Blut anderer Menschen oder Tiere ernähren kann.

Auf einen ersten, geschichtlich dokumentierten Vampir, stieß ich eher zufällig, als ich versuchte ein wenig mehr über die südosteuropäische Landschaft und Kultur zu erfahren. So soll der Bauer Jure Grando aus dem heutigen Kroatien, ein sogenannter Strigoi gewesen sein.
Ursprünglich haben diese Wesen aber nicht die geringste Neigung zum Blutsaugen. Vielmehr sind die ursprünglichen Strigoi ein Ausdruck der sexuellen Hemmung des Mittelalters und ein Fokus für all jene unerklärlichen oder erschütternden Ereignisse, für die man zu jener Zeit keine andere Erklärung fand. In einigen Gegenden rammte man den Toten zur Sicherheit ein glühendes Eisen in die Brust, um zu verhindern, dass er als Strigoi zurückkehrte, und seine Verwandten zu sich ins Grab holte.
Der anno 1652 Verstorbene Jure Grando soll jedoch zwanzig Jahre nach seinem Tod aus dem Grab gestiegen sein, um sein Dorf zu terrorisieren. Dieser Terror bestand jedoch in der Regel darin, dass er nachts den jungen und unverheirateten Frauen nachstellte und sie sexuell belästigte. Später kam dann noch der Glaube hinzu, dass in den Häusern, an denen er nachts an die Tür geklopft haben soll, jemand sterben würde. Den Berichten aus dem Buch von Johann Weichard Valvasor zufolge, soll dieses Treiben erst in dem Moment beendet worden sein, als sich neun Männer des Dorfes bereit erklärten, den Leichnam zu exhumieren, um ihn zu pfählen und zu köpfen.

Wenn man nun bedenkt, dass die Toten zu jener Zeit nicht sehr tief in der Erde beigesetzt wurden, ist es nur natürlich, dass die von Michael Ranft in seiner Dissertation »Von dem Kauen und Schmatzen der Todten in Gräbern« erwähnten Geräusche dazu führten, dass man von einem Leben des Leichnams in seinem Grab ausging. Geräusche, die Michael Ranft als natürliche Ursachen der Verwesung eines Körpers und des Tierfraßes ansah. Wie bereits gesagt, wurden die Toten zu jener Zeit nicht sehr tief in der Erde beigesetzt, wodurch diese Geräusche gerade nachts, wenn es still war, besonders gut zu hören waren. Um ein Wiederkehren des Verstorbenen zu verhindern, wurden ihm sogar Seife, Rasierer, Spiegel etc. als Grabbeigaben ins Grab gelegt, damit er keinen Grund hatte, seine letzte Ruhestätte zu verlassen, um seine Hinterbliebenen zu besuchen.
Wenn Sie also heute in friedlicher Stille über einen Friedhof gehen und solche schmatzenden und kratzenden Geräusche aus den Gräbern hören, können Sie davon ausgehen, dass die Bestatter nicht ganz so tief gegraben haben.
Durch die Grabbeigaben, die auch heute oftmals noch praktiziert werden, hatten die Toten also ihre Ruhe, zumindest solange, bis sich unerklärliche oder traurige Ereignisse häuften. Wurde die Leiche eines vermeintlichen Strigoi in so einem Fall exhumiert, so war die Verwesung in der Regel schon so weit fortgeschritten, dass sich die Gesichtszüge des Toten zu einer hässlichen Fratze verzerrt hatten.

Berühmte Vampire
Vermutlich werden Sie sich jetzt fragen, warum ich nicht auf den berühmten Graf Dracula eingehe. Das ist schnell erklärt, denn Vlad III. Dráculea war ein Woiwode (Fürst) des Fürstentums der Walachei. Er wurde bekannt durch seinen Widerstand gegen die Expansion des Osmanischen Reiches in den baltischen Raum. Diesen Widerstand führte er offenbar nicht gerade zimperlich, so soll er historischen Überlieferungen zufolge sehr gerne die Hinrichtung durch das Pfählen angeordnet haben. Durch die oftmals recht fantasievoll durchgeführten Hinrichtungen, so zum Beispiel durch das Anordnen der Pfähle in drei konzentrischen Kreisen, wurde somit der Grundstein für eine gewisse Symbolik und Mystik gelegt, die seine Person bis heute umgibt. Man kann jedoch davon ausgehen, dass ihm erst durch Propaganda und Heldenverehrung mythische Kräfte und dunkle Riten nachgesagt oder angedichtet wurden.

Überhaupt scheint Politik, mündliche Propaganda und Aberglaube eine große Rolle bei der Verbreitung und Erschaffung des Mythos Vampir eine große Rolle zu spielen.
So soll die berüchtigte Erzsébet Báthoy (Elisabeth Bathory), eine ungarische Adlige, sechshundert Jungfrauen auf ihr Schloss gelockt, bestialisch ermordet und ihn dem Blut ihrer Opfer gebadet haben.
Diesem Fall liegt eine unangenehme Mischung aus historischer Politik und Wahrheit zugrunde, denn es wurden tatsächlich auf dem Schloss jener als Blutgräfin bekannt gewordenen Frau, zahlreiche Frauenleichen entdeckt.
Ob die Lady Bathory nun tatsächlich im Blut ihrer Opfer badete, oder ob dies eine politisch-historische Überhöhung ihrer Taten ist, bleibt ungeklärt.
Für eine tiefergehende Betrachtung empfehle ich das Buch von Michael Farin, Heroine des Grauens: Wirken und Leben der Elisabeth Báthory in Briefen, Zeugenaussagen und Phantasiespielen, aus dem P. Kirchheim Verlag (ISBN 3-87410-038-3)

Doch trotz aller historischen Ungenauigkeiten und Hinzufügungen, liegen in diesen drei historischen Personen die Grundsteine für den Mythos Vampir.
– der sexuell anziehende und nachtaktive Strigoi Jure Grando
– die einzig wahren Möglichkeiten, sich eines solchen Wiedergängers zu erwehren
– die Grausamkeiten eines Vlad III.
– die vermeintlich verjüngende Wirkung frischen Blutes, derer sich die Lady Bathory angeblich bedient haben soll

Gemeinsam bilden diese Personen und die Legenden, die um sie herum entstanden sind, ein beunruhigendes Bild.
Denn offenbar ist an dem Mythos doch mehr dran, als wir heute, in unserer aufgeklärten und von Wissenschaften durchdrungenen Welt, glauben mögen.

In der nächsten Folge meiner kleinen Artikelserie möchte ich den Mythos noch ein wenig vertiefen, dann aber auf den eher mytischen Teil der Vampire eingehen. Und ich werde Ihnen in der nächsten Folge zeigen, wo sich erneut Fakten und Fiktion vermischen.
Bis dahin wünsche ich Ihnen eine angenehme Nachtruhe.
Und öffnen Sie niemals Fenster oder Türen, wenn es nachts klopft.
Man kann ja nie wissen, oder?

D.J.Franzen

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