Vampire …

… Mythos Krankheit … oder doch Wahrheit?
IV. und letzter Teil der Artikelserie

Herzlich willkommen zum vierten und letzten Teil meiner kleinen Artikelserie.
Ich hoffe, dass Sie sich bisher gut unterhalten haben und ich Sie nicht unnötig beunruhigte.
Letzteres könnte sich jetzt allerdings ändern, denn nachdem meine Recherchen mich immer weiter aus dem baltischen Raum Europas verschlagen haben, begann ich mich zu fragen, ob es im deutschsprachigen keine derartigen Legenden oder Vorkommnisse geben würde. Tatsächlich wurde ich fündig.
Und so traf ich auf …

… Wiedergänger und Nachzehrer. Entfernte Verwandte der Vampire?
Tatsächlich trifft man im deutschsprachigen Raum kaum auf Nachweise oder Legenden, die auf die Aktivität von Vampiren hinweisen. Es gibt zwar zahlreiche Hinweise auf weitergegebene Verhaltensweisen, wie mit so einem Wesen zu verfahren sei, diese beziehen sich jedoch überwiegend auf die sogenannten Wiedergänger und Nachzehrer.
Während der Wiedergänger sich meist für ein vermeintliches Unrecht rächte, so zum Beispiel die Störung seiner Totenruhe, war der Nachzehrer eher ein sehr nachtragender Toter, der im Grab sein Leichentuch auffraß (daher auch der Name Nachzehrer), und solange seine Hinterbliebenen mit schweren Zeiten, Krankheit und Tod verfolgte, bis er das Tuch verschlungen hatte.
Dem Vampir noch am nächsten kommt dabei der Glaube an die Neuntöter und Doppelsauger, deren Erscheinen sich überwiegend auf Pommern, Ostpreußen und das Wendland beschränkte, und deren Bekämpfung den Methoden zur Vernichtung eines Vampirs stark ähnelten.
Insgesamt fiel mir hierbei jedoch auf, dass Vampirismus scheinbar nicht immer mit dem Saugen von Blut in Verbindung gebracht wurde. Oft waren es auch eine telephatische oder emphatische Verbindungen, die es einem Vampir erlaubten, den Lebenden, zum Beispiel in Träumen, ihre Lebensenergie zu entziehen. Für die etwas blutigere Art des Ablebens waren hier offenbar andere Gestalten zuständig.

Vampire und Werwölfe … dividere et vincere (teile und herrsche)?
Je weiter ich die Mythen, Legenden und Volksglauben in Richtung Westen verfolgte, um so stärker wandelte sich der Vampir zu einem anderen Wesen, dass ebenfalls im Genre der dunklen Fantastik eine große Rolle spielt.
Dem Werwolf.
So gibt es im Rheinland kaum Mythen und Berichte über Vampire. Es scheint eine wie auch immer geartete Grenze zu geben, welche diese beiden Sagengestalten voneinander trennt. Neugierig geworden schlug ich einen Bogen in meinen Recherchen und wandte mich kurzfristig den haarigen Vettern der Vampire zu. Da Werwölfe jedoch einen ganz eigenen Mythen- und Themenkomplex bilden, der eine komplett eigene Recherche erfordert, wandte ich mich nochmals einer wissenschaftlichen Sichtweise des Vampirismus zu.
Und dabei stieß ich erneut auf eine wissenschaftliche Erklärung, die alle Mythen und Legenden über Vampire wieder in ein fahles Dämmerlicht rückte, wo sich harte Fakten und Volksglauben zu einem unheimlichen Bild vermischten.

Das Renfield Syndrom
Das Renfield-Syndrom, auch als »klinischer Vampirismus« bezeichnet, ist eine sehr seltene psychische Erkrankung. Benannt wurde diese Erkrankung nach der Figur des Maklers aus Bram Stokers Klassiker »Dracula«, von dem Psychologen Richard Noll.
Die überwiegend männlichen Erkrankten fühlen einen starken Zwang, Blut zu konsumieren. Meist beginnen sie mit kleineren Tieren oder Insekten. Dann kann es geschehen, das der Drang nach fremder Lebensenergie so stark wird, dass sie sogar andere Menschen beißen oder versuchen, sich Blutkonserven zu beschaffen. Je stärker die Erkrankung fortschreitet, um so gewalttätiger werden die Kranken dabei oftmals.
Die Wurzel dieser psychischen Störung liegt nach bisherigen Erkenntnissen in traumatischen Ereignissen in der Kindheit verborgen, nach denen die Erkrankten einen Zusammenhang zwischen Blut und (sexueller) Erregung ziehen. Als eigenständige, psychische Erkrankung ist das Renfield-Syndrom bisher nicht anerkannt, und wird in der Regel mit Schizophrenie oder Paraphilie gleichgesetzt.

Das Ende meiner Recherchen, Appendix
Nach dieser letzten, wirklich beunruhigenden Erkenntnis, schloss ich meine Recherchen über den Mythos der Vampire ab. Ich fand zwar doch noch eine wissenschaftlich-rationale Erklärung für den Mythos über Vampire, ich muss jedoch gestehen, dass sie mich nicht wirklich beruhigte. Gefunden hatte ich bei meiner kleinen Suche Legenden, Mythen und wissenschaftliche Erklärungen für den Mythos um die Blutsauger. Zu groß erscheint mir jedoch die Grauzone zwischen Wissen und Glauben, als dass ich mich guten Gewissens auf eine dieser beiden Seiten schlagen könnte. Beide halten sich in ihrer Menge die Waage und die wissenschaftlichen Erklärungen erschienen mir letzten Endes dann doch eher wie der klägliche Versuch, das Unerklärbare zu erklären, das Unfassbare in Worte zu fassen.
Letztendlich halte ich es mit dem alten Shakespeare:
»Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit Euch träumt.«
(Shakespeare, »Hamlet«)
Und das ist auch gut so, denn wenn man alles Unheimliche bis ins letzte Detail erklären könnte, würde die dunkle Phantastik nicht in der Form existieren können, wie wir sie kennen. Zum Abschluss an diese kleine Artikelserie möchte ich noch einen Appendix anfügen, in dem ich interessante Bücher und Quellen darlege, mit denen Sie sich ebenfalls auf die Suche nach der Wahrheit zwischen Legenden und Mythen begeben können.

Ich wünsche Ihnen ein ruhiges Wochenende, und immer eine angenehme Nachtruhe mit interessanter Lektüre. Schlafen Sie gut, halten Sie nachts immer die Füße unter der Bettdecke … und öffnen Sie niemals Türen oder Fenster, wenn es in der Dunkelheit klopft.

D.J.Franzen

Appendix
Sachquellen (ein kurzer Auszug)

Michael Ranft: Nicolaus Equiamicus : Traktat von dem Kauen und Schmatzen der Toten in Gräbern 1734, deutsche Übersetzung aus dem Lateinischen 2006 im UBooks-Verlag. ISBN 3866080158

Norbert Borrmann: Vampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit.
Kreuzlingen und München 1999, ISBN 3-424-01351-X.

Norbert Borrmann: Vampirismus.
Der Biss zur Unsterblichkeit, Diederichs, München 2011, ISBN 978-3-424-35055-5

Laurence A. Rickels: Vampirismus Vorlesungen.
Brinkmann & Bose, Berlin 2007, ISBN 978-3-922660-60-6

Hagen Schaub: Vampire. Dem Mythos auf der Spur.
Marix Verlag, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-86539-255-8

Basil Copper: Der Vampir in Legende, Kunst und Wirklichkeit.
Leipzig 2007, ISBN 978-3-86552-071-5.

Eduard Hoffmann-Krayer, Hanns Baechtold-Staeubli (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 6, Reprint. de Gruyter, Berlin 2002, S. 819, ISBN 3-11-006594-0

Poblete Gutiérrez, Pamela et al. (2004): Diagnostik und Therapie der Porphyrien: Eine interdisziplinäre Herausforderung. Deutsches Ärzteblatt 101, Ausgabe 18 vom 30. April 2004

Vetter, Christine (2006): Porphyrien- Erhebliche Dunkelziffer. Deutsches Ärzteblatt 103, Ausgabe 38 vom 22. September 2006

Belletristik zum Thema Vampire in den verschiedensten Erscheinungsformen (ein kurzer Auszug)
Tobias Bachmann, Novalis‘ Traum. Erzählungen.
Atlantis Verlag, Stolberg 2006, ISBN 3-936742-47-2.

Markus Heitz: Vampire! Vampire! – Alles über Blutsauger.
Piper-Verlag, 2008, ISBN 978-3-492-29181-1.

John Polidori, Der Vampyr. Eine Erzählung.
edition scaneg, München 1991, ISBN 3-89235-509-6.

Joseph Sheridan Le Fanu, Carmilla
Diogenes Verlag, erschienen April 2011, ISBN 978-3-257-24087-0

Abraham „Bram“ Stoker, Dracula. Ein Vampirroman (übersetzt von Stasi Kull)
dtv, München 2000, ISBN 978-3-423-62017-8

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