»Zombies, Apokalypse und Tütensuppen«

oder
Eine nicht ganz ernst gemeinte Antwort auf die Frage »Warum zur Hölle schreibst du eigentlich so was?«

Die Frage, warum ich so gerne über Zombies, Endzeit und Apokalypse schreibe, kommt in der Regel mit einer ganzen Batterie von Nachfragen daher. »Warum immer so dunkel? Warum spielen deine Geschichten so oft in Köln? Und warum zur Hölle schreibst du eigentlich nichts Vernünftiges, womit sich Geld, Preise und Ehre gewinnen lassen?«
Besonders häufig habe ich diese Fragen in den letzten zwei Jahren gestellt bekommen, wo ich ja als Kopf hinter der Serie »Armageddon, die Suche nach Eden« für Konzept, Exposés und Romane verantwortlich zeichnete.
Die Antworten auf diese Fragenbatterie sind nicht in knappen Worten zu geben, und auch nicht ohne eine große Prise schwarzen Humors, egal wie sehr ich mich auch darum bemühe. Denn so wie bei meinen Ideen, die bei mir auch immer aus dem Zusammenprall mehrerer Eindrücke entstehen, ist es auch mit meinen Vorlieben beim Schreiben.
Die erste Frage, nämlich die, welche sich auf meine Vorliebe für Zombies und Endzeit bezieht, möchte ich heute zunächst mit einem Wort beantworten:

Die Tütensuppe

Das ist in der Tat die kürzeste Antwort, die mir zu der Frage nach meiner persönlichen Vorliebe für Zombies und Endzeit einfällt. Es gibt Tomatensuppe Gärtnerinnen Art, Tomatensuppe mit Reis, mit Nudeln und cremig. Es gibt Brokkolisuppe, Spargelcremesuppe, Hühnersuppe ja sogar Gulaschsuppe habe ich schon in Tüten gesehen.
Tüte aufreißen, Wasser abmessen, Pulver rein, Herd an und rühren, bis alles heiß ist.
Oder Konserven! Die hätte ich beinahe vergessen. Und Tiefkühlgerichte für den Topf, den Backofen oder die Mikrowelle.

Und was hat das jetzt mit Zombies zu tun?
Nach meinem Empfinden jede Menge.
Die Menschheit erscheint mir in vielen Dingen verdammt hilflos und bequem geworden. Ich nehme mich da nicht aus, um Gottes Willen nein! Die natürlichen Beharrungskräfte eines unbewegten Körpers kommen bei mir in voller Stärke zum Tragen. Bis ich erstmal in Wallung gerate, kann schon eine geraume Weile vergehen, werden Dynastien gegründet und Imperien zerfallen zu Fußnoten in der Geschichte.
Aber wie oft höre ich zum Beispiel von anderen Männern, dass sie nicht kochen können, und werde dabei von meinen Geschlechtsgenossen misstrauisch beäugt, wenn ich sage, dass ich sogar verdammt gut kochen kann? He, ich bin halber Italiener und für mich ist Essen mehr als nur Nahrungsaufnahme!
Essen, dass ist wie ein Gottesdienst.
Das will zelebriert werden.
Ebenso die Zubereitung.
Gut, ich bin ein Mann.
Ich kann trotzdem kochen, waschen, putzen, Wohnung aufräumen.
Die erste Frage, die ich mir also immer wieder stelle, ist, was mit uns Menschen passieren würde, wenn ein göttlicher Handfeger mal eben zum Großreinemachen vom Himmel kommen würde, um in der ersten Runde eines göttlichen Frühjahrsputzes alle Muttis und Hausfrauen ins Himmelreich zu holen. Wer vom »starken Geschlecht« würde überleben und wer würde in stinkigen Klamotten und vollkommen unterernährt sterben? Welcher Typ Mann würde sein Überleben dadurch sichern, dass er Schergen um sich schart, die ihm seine Wäsche waschen, das Essen kochen und auch sonst für sein Wohlergehen sorgen, während er sich mit den großen philosophischen Fragen des allgemeinen Untergangs beschäftigt?

Okay. Das war jetzt natürlich sehr schwarzhumorig und sarkastisch. Aber es geht sogar noch einen Zacken schärfer.
Wir Menschen, egal ob Mann oder Frau, sind durch unsere beruflichen Spezialisierungen und durch unsere alltägliche Bequemlichkeit hilflos geworden.
Die besten Angebote (also jene, die für den Betreiber eines Discounters den meisten Gewinn versprechen), liegen grundsätzlich auf Augenhöhe. Bücken oder Strecken impossible. Wir greifen, was uns vor der Nase liegt.
Die Kassiererin ruft nicht mehr selber »Bitte nicht mehr auflegen! Ich schließe jetzt!«. Nein, das übernimmt eine 0190er-Stimme, die quer durch den Laden flötet, dass Kasse Drei jetzt schließt.
Die gleiche Stimme übrigens, die auch die Kassiererin leise darüber aufklärt, dass es jetzt an der Zeit wäre, das Töpfchen aufzusuchen oder einen Sargnagel zu inhalieren. In Fabrikhallen ist es ein Gong, der uns Menschen dazu auffordert unseren menschlichen Bedürfnissen nachzugehen (und auch, wann diese Bedürfnisse gefälligst zu enden haben) und beim Autofahren flötet uns eine virtuelle Sex-Bombe ins Ohr, wo wir abbiegen müssen. Wo wir früher mit der Hand Postkarten und Briefe schrieben, haben wir heute »T9« auf unseren Handys, das uns vorschlägt, welches Wort wir als nächstens nutzen wollen, Telefonnummern haben wir nicht mehr im Kopf, die sind im Handy gespeichert und so weiter, und so fort.
Kurz gesagt:
Wir lassen uns das Denken und das freie, vor allem aber das selbstverantwortliche Handeln immer mehr abnehmen.
Wo wir früher eine Straßenkarte zur Hand genommen haben, übernimmt das heute eine Maschine, die uns dirigiert. Wo früher die Kassiererin im direkten Kontakt mit den Kunden war, sagt uns heute ein Computer, wann welche Kasse öffnet oder schließt. Und wenn die Bedienungsanleitung für eine Kaffeemaschine oder der Becher Koffee to go nicht den expliziten Warnhinweis aufzeigen, dass die braune Brühe kochend heiß ist und wir uns daran die Zunge verbrennen könnten, ist der Weg zum nächsten Anwalt nicht weit. Und wenn wir kochen, suchen wir uns unsere Zutaten nicht mehr selber aus.
Nein.
Wir messen nur noch Wasser ab, füllen es zusammen mit einem Pülverchen in einen Topf und erhitzen alles. Und wenn es uns dann nicht schmeckt, ist das der Hersteller schuld, denn wir haben ja die Verantwortung für die Zubereitung eines leckeren Essens IHM übertragen, anstatt die Verantwortung selbst zu übernehmen.
Was also passiert mit uns Menschen, wenn alles das plötzlich nicht mehr ist?
Wenn es niemanden mehr gibt, der uns sagt, was wir wann essen, tun und lassen sollen? Wenn es niemanden mehr gibt, den wir für was auch immer verantwortlich machen können, weil wir es nicht mehr gewohnt sind, für unser eigenes Handeln auch Verantwortung zu übernehmen und unser Glück wie in dem alten Sprichwort selber zu schmieden?

Das ist der Aspekt, der mich so sehr an postapokalyptischen Szenarien interessiert, der diesen unwiderstehlichen Reiz auf mich ausübt, zwischen zwei Buchdeckeln die ganze Zivilisation mit all ihrem Krimskrams, Paragrafen, Verordnungen und technischen Spielereien das Klo runterzuspülen.
Es ist DIE Frage, die sich jeder Autor stellt.
Was wäre, wenn es keine Tütensuppe mehr gäbe?
Oder Navigationsgeräte?
Oder Handys?
Was wäre, wenn man mal so richtig die Sau rauslassen könnte, weil es ja niemanden mehr gibt, der mit Regeln, Gesetzen und Verordnungen für die Einhaltung eines sozialen Miteinanders sorgt?
Was wäre, wenn wir im Grunde die absolute Freiheit hätten?
Könnten wir damit überhaupt umgehen?
Es ist also ein bitterböser, tiefschwarzer Humor, der mich in dieses Subgenre der Phantastik zieht, und zugleich auch eine große Angst. Denn wenn ich mich selber frage, ob ich mit so einer Situation zurechtkäme, ob ich in so einer Welt überleben könnte, muss ich die Antwort schuldig bleiben.
Ich weiß es nicht.
Auch ich bin viel zu sehr in der angenehmen Bequemlichkeit unserer Welt verhaftet, als dass ich mir ernsthaft wünschen würde, dass eines Tages die totale Freiheit wie eine gigantische Flutwelle über mir hereinbrechen würde. Auch ich folge wie ein Lemming mit meinem Einkaufswagen der säuselnden Stimme, die verkündet das Kasse Drei jetzt öffnet und greife lieber nach den Artikeln, die mir auf Augenhöhe präsentiert werden, statt mich zu bücken oder zu strecken, um an die wirklich preiswerten Artikel zu gelangen.
Aber ich kann kochen und Wäsche waschen.
Ich würde wenigstens nicht an Mangelernährung und in müffeliger Kleidung sterben.
Zumindest so lange, wie ich irgendwo noch ein paar Tütensuppen und Seife erbeuten könnte.

Das ist also der Grund, warum ich so einen großen Spaß daran habe, über Zombies, Endzeit und Apoklaypsen zu schreiben.
Überhaupt ist der Spaß am Schreiben und Fabulieren die größteTriebfeder meines Tuns.
Was mir keinen Spaß macht … warum soll ich damit Zeit verschwenden?

Im nächsten Teil möchte ich beantworten, warum nicht nur Zombies und Postapokalypsen für mich als Autor so anziehend sind, sondern warum ich auch das Ding im Schrank und das Heulen des Werwolfs in einem dunklen Asphaltdschungel so mag und warum alle meine Sachen grundsätzlich in Köln spielen.

Bis dahin wünsche ich Ihnen einen guten Start in eine erfolgreiche Woche.
Schälen Sie zwischendurch mal wieder frisches Gemüse und werfen Sie ab und zu mal wieder selber ein Schnitzel in siedendes Öl, anstatt es einfach nur in den Toaster zu stecken.
Und wenn die Stimme aus dem Navi Ihnen mal wieder befiehlt, sich rechts zu halten, dann lächeln Sie milde und machen das, was Sie sich schon vorher in einer Straßenkarte rausgesucht haben.
Fahren Sie Ihren eigenen Weg.
Selbstverantwortlich und selbstbestimmt.
Denn wenn sich die Toten aus ihren Gräbern erheben und Ihnen keine Computerstimme ins Ohr säuselt, welche Richtung Sie einschlagen sollen oder wohin Sie sich wenden müssen, um das Angebot der Woche zu ergattern, werden Sie froh sein, dass Sie sich einen Salat ohne Tütendressing oder ein Schnitzel ohne Toaster zubereiten können und dass Sie in der Lage sind, eine Straßenkarte ohne elektronische Hilfe zu lesen.

D.J.Franzen

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