»Warum zur Hölle schreibst du so was?« II. Teil

oder
Zombies, Apokalypse und Tütensuppen
(II. Teil eines Versuches, diese Frage zu beantworten)

Nachdem ich im ersten Teil dieser kleinen Artikelreihe festgestellt habe, welche Zusammenhänge ich zwischen Tütensuppen, Zombies und Apokalypsen sehe, möchte ich heute den zweiten Teil der oft an mich gerichteten Frage beantworten. Denn es geht nicht nur um das Genre, in dem ich mich bewege, sondern offenbar auch um den oder die Handlungsorte, die ich für meine kleinen Geschichten nutze. Dabei schweife ich nicht in die Ferne, ich bleibe ganz nah vor meiner Haustür.
In Köln.

Köln … der Big apple aus good old germany, das New York der alten Welt

Klingt doch cool, oder?
Aber Köln als New York zu bezeichnen, mag vielen als sehr verwegen erscheinen, denn New York wurde schon von Aliens, Riesenechsen, gigantischen Marshmellow-Männchen und allen möglichen anderen Wesen heimgesucht. New York ist die Heimstätte der Slums, der coolen Bullen mit den flotten Sprüchen und der wilden Autojagden.
Hm.
Und was hat Köln zu bieten?
Nun, zuerst müsste ich dazu erklären, dass Köln weit mehr ist, als nur Schildergasse, Hohe Straße, Dom und Hauptbahnhof.
Köln ist alt.
Köln atmet Geschichte.
Und Köln ist weitaus größer, als nur das kleine Quadrat zwischen Rheinufer und Altstadt, zwischen Schildergasse und Dom.

Köln umfasst 9 Stadtbezirke in 86 Stadtteilen auf einer Fläche von ca. 405,16 Km² und hat insgesamt 6 verschiedene Vorwahlen. (Zum Vergleich: New York City hat nur 5 Stadtbezirke, eine Vorwahl und Kölsch versteht da niemand 😉 ) In Köln gibt es dunkle Ecken, Landwirtschaft, finstere Wälder, Kirchenruinen, Forts aus der Zeit der Preußen, Begräbnisstätten der alten Römer, Sagen, Legenden, verwinkelte Gassen, Eckkneipen mit Gestalten aus der Unterwelt und glitzernde Clubs voll zuckender Leiber unter einem Blitzlichtgewitter aus Stroboskoplampen.
Alex und seine Droogs aus »Uhrwerk Orange« könnten statt in London ebenso gut Köln und seine Außenbezirke unsicher gemacht, und Blade seine vampirischen Gegner in Köln zur Strecke gebracht haben. Und wenn Godzilla aus dem Rhein auftauchen würde, um sich mal den Dom anzusehen, wäre das ein ebenso imposantes Bild, wie wenn King Kong auf die Idee kommen würde, seine Free-Climbing Aktivitäten am Colonius oder dem AXA-Hochhaus zu trainieren.
Alles das hätte man auch gut und gerne in Köln drehen können, denn hier gibt es etliche passende Locations.

Warum sollte ich also in die Ferne schweifen, wenn ich doch alles, was ich als Autor brauche, direkt vor der eigenen Haustür habe, und selbst gebürtige Kölner noch lange nicht alle Ecken und Geheimnisse ihrer eigenen Stadt kennen? Da kann ich als Autor doch Dinge erzählen und Orte beschreiben, die mindestens ebenso exotisch klingen, wie in dem Städtle far, far away in Übersee, oder?
Aus diesem Grund habe ich zum Beispiel in meiner abgelaufenen Dark-Fantasy Serie »Armageddon, die Suche nach Eden« Köln als Ausgangspunkt genutzt. Hier gibt es Schafherden neben Rinderweiden. Schwerindustrie und Schifffahrt, Nachts hell erleuchtete Industriegebiete und abgelegene Häuser in dunklen Wäldern.

Jetzt sagen Sie sich bestimmt, ich würde Köln ja mit den Augen eines Kölners sehen, was schon Grund genug sei.
Das stimmt aber nur zum Teil.
Der dritte Einfluss auf die Wahl meiner Geschichten und ihrer Schauplätze ist der, dass ich …

… Köln mit den staunenden Augen eines Kindes …

… sehe.
Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich als Kind um einige grundsätzliche Wahrheiten des Lebens wusste und fest daran glaubte:
Golfbälle waren in ihrem Inneren mit einem zähen, grünen Schleim gefüllt, der giftig und höchst ätzend war. Ein Zehnpfennig-Stück konnte eine Straßenbahn entgleisen lassen, in Stinkbomben waren Spuren von vorverdautem Knoblauch enthalten (was sie zu einer perfekten und für 50 Pfennig an jedem Kiosk frei erhältlichen Waffe gegen Vampire machte) und ich glaubte an die Macht des Weihwassers, dass wir manchmal aus dem Taufbecken der Kirche unseres Viertels klauten, um damit unsere Wasserpistolen für den Kampf gegen Werwölfe, Vampire und den Höllenhund vom Schrottplatz des Gremberger Wäldchens, das direkt neben unserem Viertel lag, zu befüllen.
Der Glaube an diese Magie war für uns Kinder damals alltäglich.

Damals – also zu der Zeit, als Moses seine Ladungen noch in Papyruswindeln verstaute – war Köln zudem noch voller sogenannter »Trümmergrundstücke«. Ich habe sie als Kind erlebt. Von Grünzeug überwucherte Zeugen des Zweiten Weltkriegs, die mir und meinen Altersgenossen als Spielplätze dienten. Einen oberirdischen Schutzbunker, der drohend und unheilvoll auf den Spielplatz hinter dem Haus blickte, in dem ich mit meinen Eltern wohnte und Straßen und Ecken, die mit Einbruch der Dämmerung auch ohne Energiesparlampen mehr schlecht als recht ausgeleuchtet waren.
Es war uns als Kinder schon früh klar, dass in den Trümmergrundstücken unseres Viertels und in dem Bunker vor dem Spielplatz, die Geister längst Verstorbener ihr Unwesen trieben. Gleiches galt für den Wald, der nah an unserer Schule lag und wo es mehr Trampelpfade gab, die einen Unvorsichtigen tiefer und tiefer in die Dunkelheit führten, als echte Wege, die einen einsamen Wanderer vielleicht wieder zurück in die Zivilisation bringen würden.
Ebenso lag es für uns auf der Hand, das nur wir – gut ausgerüstet mit Taschenlampen, Wasserpistolen voller Weihwasser, welches wir aus der Kirche stibitzt hatten, und einer gehörigen Portion Angst im Nacken – den Geheimnissen dieser dunklen Orte auf die Spur kommen konnten.
Unsere Führer durch die Welt der Geister und Dämonen waren solch wohlklingende Namen wie »Geisterjäger John Sinclair« oder »Larry Brent, Spezialagent der PSA«. Die Ergebnisse unserer Expeditionen teilten wir uns in Baumhäusern oder in Höhlen mit, die wir aus Brettern und Abfall selbst zusammengebaut hatten und die sich ängstlich an die dunklen Fassaden von Kellern oder Hinterhöfen kauerten.

Dann gab es in unserem Viertel ein winziges Kino, dass jeden Sonntag eine »Matinee für Kinder« anbot. In den Glaskästen hingen die kleinen Poster wunderschöner Walt Disney Filme, manchmal sogar aufregenderes wie »Die Abenteuer des Odysseus«.
Aber sobald wir an der Kasse unseren Obulus von 1,50 Mark abgegeben hatten, und uns in die dunkle Höhle der Traumfabrik begaben, liefen solch kulturell hochwichtigen Werke wie »Das Geisterschiff der schwimmenden Leichen«, »Hängt ihn höher« oder schöne alte Poe Verfilmungen.
Einmal gab es sogar eine ganze Reihe von »Ding«-Filmen, wie wir sie nannten. Meist ging um es eine Horde reichlich knapp bekleideter Bikinischönheiten, die von einem Riesenkrokodil (durch atomare Experimente der Regierung so groß geworden), Riesenspinnen (durch atomare Experimente eines Wissenschaftlers so groß geworden) oder anderes (Sie werden es erraten: durch Atomkraft zu Riesenwuchs angeregtes) Viehzeugs, das sich eben jener nur spärlich mit Badetextilien bekleideten Schönheiten annahm, die sich laut kreischend in den Fängen des jeweiligen Monsters der Woche befanden.
Manche dieser Filme waren blutig, andere läppisch und wieder andere sorgten dafür, dass wir abends vor dem Zubettgehen grundsätzlich erst mal unter das Bett lugten und dann trotz der überprüften Monsterfreiheit unter dem Bettgestell dafür sorgten, dass die Füße unter der Bettdecke bleiben.
Kurz gesagt:
In meiner Kindheit und Jugend hatte ich das verdammte Glück, noch Kind sein zu dürfen.
Ich durfte noch Abenteuer und Magie erleben, ohne dafür in die Ferne schweifen zu müssen und niemand machte sich Sorgen um meine Psyche, wenn ich entweder mit Wackersteinen in der Hose und Rasierklingen unter den Armen, oder einem aus Eisstäbchen selbst gebastelten Kreuz und der Knallplättchenpistole von Karneval nach Hause kam und das Abendessen eher wortkarg und blass hinter mich brachte. Wir wussten damals, dass das nur Filme waren und die Trümmergrundstücke einfach nur überwucherte Ruinen.
Unterhaltsame Hirngespinste und tolle Spielplätze.
Trotzdem … der Blick unters Bett war nach solchen Ausflügen obligatorisch.

Wenn meine Eltern in meiner Kindheit mit mir »nach Köln« gefahren sind, dann war das immer eine Reise in eine andere Welt. Von der sogenannten »schäl sick« über eine der Rheinbrücken, durch Tunnel (hausten da eigentlich Morlocks, die unvorsichtige nachts in ihr Reich zogen?) bis in die Innenstadt, wo alles bunter und heller war. Nachdem ich »Die Zeitmaschine« in dem kleinen Kino sehen durfte, erschien mir das Auftauchen aus den Tunnels der U-Bahn immer wie ein Gottesgeschenk und ich hasste es, wenn die Bahn irgendwo im Tunnel stehen bleiben musste.

Später, ich war schon erwachsen und Vater von zwei Kindern, war ich selber Triebfahrzeugführer bei den Kölner Verkehrsbetrieben. Ich habe die Tunnel der U-Bahn begehen müssen, habe Ecken von Köln kennengelernt, die ich nur vom Hörensagen kannte, und war in tiefster Nacht irgendwo im Nirgendwo mit meinem Zug und hatte Pause.
Aber der Reiz, die Magie, welche meine Heimatstadt auf mich ausüben, sind auch heute noch der gleiche. Ich rieche den Wind, sehe die Lichter hinter den Fenstern und höre das Summen und Murmeln meiner Heimatstadt wie ein Kind. Und wenn ich manchmal auf einem der privaten Sender im Spätprogramm solche Titel wie »Das Geisterschiff der schwimmenden Leichen« entdecke, überkommt mich ein wohliges Schauern. Und wenn ich solche Filme wie »Wolfen« oder »American Werwolf« sehe, sehe ich Schauplätze, die auch Köln zu bieten hat.

Es ist also dieses Gefühl kindlichen Staunens und der tief in mir schlummernde Glaube an die Magie jener fernen Zeit, es sind die Stimmen aus der Vergangenheit, die aus Baumhäusern und selbst gebauten Höhlen heraus über das Unfassbare berichten, es sind die Bilder von Bikinischönheiten an einsamen Seen und von finsteren Schlössern unter einem von gewaltigen Blitzen zerrissenen Nachthimmel, die mich in meinen Geschichten für Erwachsene immer wieder auf die dunkle Seite ziehen und dabei nach Köln treiben.
Es ist der Spaß am Erschauern, das Spiel mit den eigenen Ängsten der Kindheit, die mich immer wieder reizen. Denn heute bin ich erwachsen und weiß, wo der Bär in den Buchweizen sein Käckerchen macht. Ich weiß, dass die Tunnel der U-Bahn keine Heimat für Morlocks sind und ich weiß, dass die Gefahr der Atomkraft eine andere ist und keine Riesenkröten hervorbringen kann, die im Baggerloch hausen und auf unvorsichtige Schwimmerinnen in Badeanzügen mit Ausschnitten vom Hintern bis zum Hals warten.
Aber ich weiß auch mit dem Teil meines Herzens, der immer noch ein Kind ist, das das dunkle Wesen aus dem Schrank Realität ist. Und Zombies, Werwölfe oder Vampire erschrecken mich viel mehr, wenn sie in direkter Nachbarschaft ihr Unwesen treiben, als wenn sie sich in New York oder am Nordpol ihre Opfer suchen. Deshalb komme ich in meinen kleinen Schauermärchen für Erwachsene immer wieder auf Köln zurück.
Hier gibt es einfach alles, was mein kleines Autorenherz begehrt und ich kann nach wenigen Minuten Fahrt mit Bus und Bahn oder dem Auto die Orte aufsuchen und die Stimmungen erspüren, die ich gerne einfangen möchte.

Jetzt wissen Sie also, in welchem Zusammenhang ich Tütensuppen und Zombies sehe, warum ich meine kleinen Schauermärchen so gerne in Köln spielen lasse und warum es mich ganz allgemein immer wieder zu der dunkleren Seite der Unterhaltungsliteratur zieht.
Sie haben hoffentlich erkannt, dass die Fragen, die den Anlass zu diesem Doppelartikel gaben, nicht in knappen und ernsthaften Worten zu beantworten sind. Und ich hoffe, Sie hegen an meine kleinen Geschichten nicht den Anspruch, das die Ihnen die Welt erklären.
Das ist etwas, dass ich lieber den Könnern und der E-Literatur überlasse.
Ich möchte Ihnen einfach nur die Welt zeigen, wie ich sie als erwachsenes Kind sehe und Sie damit ein wenig unterhalten und vielleicht sogar erschrecken.

Ich wünsche Ihnen allen ein schönes Wochenende und vielleicht machen Sie ja mal am Sonntag einen Spaziergang? Versuchen Sie doch mal Ihre nähere Umgebung, Ihren Heimatort, mit den Augen eines Kindes zu sehen, das noch an Geister und Dämonen glaubt.
Vielleicht haben Sie dann ja auch bald das Bedürfnis, ein Ding aus dem Wald, einen Vampir oder einen Werwolf direkt vor ihrer Haustür auftauchen zu lassen?
Sie glauben gar nicht, welch kindlichen Spaß Ihnen das bereiten kann.

Sie müssen einfach nur glauben.
An Golfbälle voller giftig-grünem Schleim, die Macht von Weihwasser in Wasserpistolen und den vorverdauten Knoblauchextrakt in Stinkbomben.
An die Magie, die uns alle als Kinder umgeben hat.

D.J.Franzen

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