Das Lektorat …

… ist wohl der Schritt in der Erstellung eines veröffentlichungsreifen Textes, um den sich die meisten Legenden und Gerüchte ranken.
Ich selber sehe in den beiden Parteien die zwei Seiten einer Münze.
Kopf und Zahl. Alleine, nur mit einer Prägung auf einer Seite, ist die Münze wertlos. Erst dadurch, dass beide Seiten gleichberechtigt auf dem kleinen Rund ihren Platz haben, wird die Münze zu einem echten Zahlungsmittel, einem Sammlerstück, vollständig.
Doch es gibt auch viele vorgefasste Meinungen, zum Thema Lektorat, die nicht immer positiv sind.

(Kopf /Autor) Der Feind in meinem Manuskript
Der Lektor ist der Feind, er will den Autor verbiegen und seinen eigenen Stil durchdrücken. Als Autor hat man gefälligst jeden Vorschlag seines Lektors demütig anzunehmen, denn der Lektor ist ein gottähnliches Wesen, an das man auf Gedeih und Verderb gebunden ist. Doch das Manuskript ist meine Schöpfung und ich habe mit dem Mut einer Löwenmutter um mein Kind zu kämpfen.
Der Lektor hat das Manuskript höchstens auf Rechtschreibfehler zu prüfen.

(Zahl / Lektor) Stolz und Vorurteil
Autoren sind in erster Linie stolz auf den Säugling, den sie in oftmals monatelanger Schwangerschaft geboren haben. Doch sobald sie jemand auf Fehler an ihrem Kind aufmerksam macht, ihnen Erziehungs- und Ernährungstipps geben will, schalten sie auf stur. Ihr Kind ist perfekt und als Lektor hat man nur dafür zu sorgen, dass es ordentliche Strampler bekommt.
Dabei sind Autoren derartig verbohrt, dass man einem Lektor die ganze Arbeit, die er sich mit dem fremden Text macht, nicht in Gold aufwiegen kann. Rechtschreibfehler fallen dabei unter das Aufgabengebiet des Korrektors oder des Setzers, sind aber definitiv unter meiner Würde.

(Die Wahl der Waffen) Krieg und Frieden
Unter solchen Voraussetzungen, wie ich sie gerade genannt habe, eine Beziehung einzugehen, würde im realen Leben nie jemanden im Traum einfallen. Da warten wir lieber auf den Traumprinzen oder die »10«, die im knappen Bikini den weißen Sandstrand auf uns zu läuft.
Da aber weder das Leben noch das Schreiben ein Ponyhof oder eine Dramödie aus Hollywood sind, müssen solche Träume Schäume bleiben.
Wer eine vernünftige, weil lesbare, Geschichte auf den Markt bringen will, für die die Menschen bereit sind ihre hart verdiente Kohle auszugeben, wird ohne dieses Zweckbündnis oft Probleme haben, oder sich in Korrekturen und nachfolgenden Versionen verlieren (sofern er die Anmerkungen aufmerksamer Leser und Leserinnen auch ernst nimmt)
Ohne Lektor geht es also nicht, wenn man Autor ist und ohne Autor ist der Lektor arbeitslos.
Der Wille gemeinsam ein Ziel zu erreichen verlangt viel von beiden Seiten.
Dabei sollte man aber folgendes im Auge behalten:
Autoren sind Menschen.
Lektoren sind Menschen.
Und irren ist menschlich, Befindlichkeiten sind Teil unserer Persönlichkeit, blinde Flecken haben wir alle.
Nobody is perfect.
Damit aber aus so einer Beziehung, wie sie Autor und Lektor eingehen, kein Krieg um Punkt, Komma, Absatz oder Wort wird, sollte man sich vorher gegenseitig prüfen. Der Autor sollte wissen, welche Vorlieben (auch Genres) dem Lektor liegen und der Lektor sollte sich darüber im Klaren sein, dass der Autor der Schöpfer des Buches ist und nicht er.

Die Leiden des jungen Werther
Die Aufgabe eines Lektors besteht darin, das Werk des Autors zu optimieren. Sie sind sozusagen die Feinmechaniker der Literatur. Sie sorgen dafür, dass der Prototyp nach der Fertigstellung zum Serienmodell nicht wie auf achteckigen Rädern vor sich in eiert, dass er nicht auseinanderfällt, dass er den LeserInnen Spaß macht.
Das ist eine große Macht.
Und Macht korrumpiert bekanntermaßen sehr gerne.
Gute Lektoren wissen um diese Gefahr und gehen ein Rohmanuskript entsprechend an.
Weniger gute, oder unerfahrene, Lektoren sind aber manchmal etwas forscher.
Sie bringen ihren ganz persönlichen Lesegeschmack ein. Alles, was außerhalb ihrer ganz persönlichen Präferenz liegt, ist tabu, pfui, bäh und gehört weg oder so lange geändert, bis es ihnen passt. Wenn ein Autor einen ihrer Vorschläge nicht annimmt, insistieren sie so lange, bis sie ihren Kopf durchgesetzt haben. Ihr Wille ist wie eines der zehn Gebote in Stein gemeißelt und ihr Zorn (oder ihre Penetranz) ist grenzenlos.
Weniger gute, bzw. unerfahrene, Lektoren reißen einzelne Ziegelsteine aus dem Textgebäude, bieten aber keine Alternativen an. Der Roman, den sie eigentlich helfen sollen zu bearbeiten, ist für sie ein Tonklumpen, dem sie ihren ganz persönlichen Stempel aufdrücken wollen. Oft kennen sie weder das Thema noch das Genre des Textes und sind mit den Konventionen, welche die verschiedenen Genres mit sich bringen, nicht vertraut. Für sie zählen auf rein buchhalterischer Ebene einzig die Gebote von Genre-, Schreib– oder Stilregeln.

Autoren sind aber auch nicht immer Heilige, die sich für ihren Glauben rösten, vierteilen oder kreuzigen lassen, um später als Märtyrer heiliggesprochen zu werden. Die Guten wägen die Vorschläge des Lektors ab, erkennen sachliche Kritik und können sie von Geschmacksfragen unterscheiden.
Die nicht so guten und unerfahrenen Autoren lehnen erst einmal rundherum alle Vorschläge ab. Ihr Werk ist die Neuerfindung des Rads, ein Meilenstein des jeweiligen Genres und überhaupt hat der Lektor nur nach Rechtschreibfehlern zu schauen, denn er ist bloß ein notwendiges Übel, ein Trittstein auf dem Weg in den Olymp, die verschlossene Tür zum Büro des Verlegers, wo der bereits mit einem teuren Drink auf den Autor wartet, der mit seinem Werk den Verlag aus den roten Zahlen wird. Kreative Grammatik und Orthografie sind künstlerischer Ausdruck, die gefälligst wortlos hinzunehmen sind. Logiklöcher gibt es in ihrem Text nicht. Wer ihn nicht versteht, ist als Leser eben zu einfach gestrickt, um die Genialität dieses Werkes zu erkennen. Der Lektor will das Niveau des Textes grundsätzlich auf popeliges Mainstream-Niveau senken, dem Roman seinen eigenen Stil aufdrücken und überhaupt ist er anmaßend.

Die Brücken am Fluss
Wie sieht also die ideale Zusammenarbeit aus? Wie überwindet man den reißenden Fluss, der die natürliche Grenze zwischen Autor und Lektor bildet?
Ich persönlich glaube, dass man dieses Ziel erreichen kann, wenn jeder von seiner Seite des Flusses aus beginnt, Brücken zu bauen.
Der gute Lektor wird dabei den Autor entgegenkommen, wird von seiner Seite des Flusses aus ein
Gesprächspartner, mit dem man über alles reden kann. Er wird nicht versuchen, den Brücken seinen eigenen, architektonischen Stil aufzudrücken, sondern den Autor dabei unterstützen, dessen Stil zu verfeinern und das fertige Konstrukt auf eine solide Basis zu stellen. Ist es ein Lektor aus einem großen Verlag, wird er zu 100 Prozent hinter dem gemeinsam Geschaffenen stehen und versucht es mit aller Macht durchzuboxen, damit daraus ein Buch entsteht.
Der gute Autor wägt ab, argumentiert sachlich auf die Einwände und Vorschläge seines Lektorenpartners. Er weiß, dass er nur einen Rohbau geschaffen hat, an dem es noch viel zu feilen, zu schweißen, zu ändern gibt. Er sieht im Lektor keinen Gegner, sondern einen Verbündeten im Kampf um die Aufmerksamkeit der Leser und Leserinnen.
Gibt es diese ideale Zusammenarbeit?
Ich weiß es nicht, denn das, was man für eine gute Zusammenarbeit hält, muss jeder Autor / Lektor für sich selber herausfinden. Ich persönlich glaube aber, dass eine offene und ehrliche Kommunikation der Schlüssel zum Erfolg ist.

Weil dieser Artikel das Thema »Lektorat« gerade für Leser doch eher abstrakt behandelt, werde ich nächste Woche in meine Schubladen greifen und an einem meiner Texte beispielhaft zeigen, wie ein Lektorat ablaufen kann. Es ist harte und zeitintensive Arbeit, die jedoch mit dem richtigen Team nicht eines gewissen Humors entbehren muss.

Bis dahin wünsche ich allen Besuchern meines Blogs eine erfolgreiche Woche, einen sonnigen Vatertag und gut lektorierte Bücher, die ihre jeweiligen Geschichten so erzählen, dass sie Sie fesseln und in fremde Welten voller spannender Abenteuer entführen.

D.J.Franzen

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Eine Antwort zu Das Lektorat …

  1. beatesenft schreibt:

    Ein toller Text, den ich voller Interesse gelesen habe. Ich freue mich schon auf das Beispiel.

    LG Beate

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