Das Lektorat, ein Beispiel

Letzte Woche hatte ich ja über das Lekotrat sinniert und was es sowohl für Autoren als auch für Lektoren bedeutet, bzw. welche Vorurteile da oftmals herrschen. Mit einem Tag Verspätung hier also ein Beispiel, wie ein Lektorat aussehen kann. Es ist ein Idealbeispiel, wie es auch im echten Leben vorkommt.

Hier also zuerst eine Passage einer Rohfassung eines meiner Texte, nachdem sie der Lektor in den Fingern hatte. Die Anmerkungen sind normalerweise als Kommentare an den Rand des Manuskripts geschrieben, was ich hier aber leider nicht darstellen kann.

Runde 1, der Lektor hat ein Auge drauf geworfen

»Dämon«

Das Zimmer strahlte eine verrückte (klingt falsch, weil unpassend) Mischung aus moderner Kälte und altertümlicher Wärme aus. Zwischen den kunstvoll verzierten Möbeln aus dunklem Holz wirkten die Zutaten eines Hightech(-)Labors wie parasitäre Besucher aus einer fernen Zukunft, die sich ungebeten in diesem für sie fremden Refugium eingenistet hatten, um aus ihren summenden, klickenden und blinkenden Körpern Tentakel aus Kabeln und Leitungen bis in die hintersten Winkel dieser kleinen Welt auszubreiten, um sie letztendlich für sich in Besitz nehmen zu können. (Der Satz ist allgemein verflucht lang. Besser die Gedanken aufsplitten und mehr Sätze draus machen.) Der Raum diente eindeutig der Gewinnung von Wissen durch Information. (Klingt etwas schräg, mit der Gewinnung.) Doch wo die Erbauer des Zimmers noch auf Schriftrollen und Bücher vertraut hatten, die wie vor Schreck verstummte Zeugen einer fernen Vergangenheit in Vitrinen und Schränken entlang der Wände auf das Geschehen herabblickten, verließen sich die jetzigen Nutzer des Zimmers auf Glasfaserkabel, Kameras, Mikrofone, Software und Sensoren.
Mitten in diesem Arrangement aus Vergangenheit und Zukunft saßen oder standen mehrere Männer in schwarzen Soutanen. (Hier einfügen, was eine Soutane ist. Am besten bildlich.) Sie blickten hoch (Hoch kannst du streichen. Niemand ist halb konzentriert 😉 )konzentriert auf Monitore, lasen Daten ab, gaben sie an andere Rechnersysteme weiter, wunderten sich über das, was ihnen die höchste technische Entwicklung der Menschheit anzeigte, und was am Ende doch aus den Untiefen der Zeiten kam, als die Erde noch eine Scheibe und die Sonne noch ein Gott des Lebens war. (Auch wieder ein arg langer Satz. Es geht zwar, aber wenn du den einkürzen / aufsplitten würdest, besser lesbar) Zeiten, in denen ein Zimmer wie dieses als ein Hort der schwärzesten Magie bezeichnet worden wäre, (Komma weg) und man die Priester umgehend auf dem Scheiterhaufen verbrannt hätte, bevor man diesen Raum mit den stärksten Möglichkeiten der weißen Magie versiegelt und jedem Sterblichen das Betreten dieses Ortes unter der Androhung der schrecklichsten Strafen untersagt hätte. Doch diese Zeiten waren vorbei, (Neuer Satz) schließlich war das 21. Jahrhundert angebrochen, (D.J. … Komma vor und? Schäm dich) und Menschen konnten über unglaubliche Entfernungen hinweg miteinander in Echtzeit kommunizieren, Wissen flirrte in stygischen Datenströmen über den gesamten Erdball und die Zeit des Glaubens und der Wunder war vorbei. Engel waren von flüchtigen Stars und Sternchen abgelöst worden, Predigten fanden nicht mehr in Kirchen, sondern im Fernsehen oder dem Internet statt, wo die Priester des neuen Glaubens Maßanzüge statt heiliger Gewänder trugen und Wunder immer schnelleren, bunteren und noch mehr Funktionen in sich vereinenden elektronischen Spielzeugen Platz gemacht hatten. (Böser, technikfeindlicher Bub‘ *lach* Ne, das ist gut so!) Die Männer in diesem Zimmer waren katholische Priester. (Ach! Echt? Diese Erklärung besser weiter oben, an die Soutanen kleben, damit das Bild klar rüberkommt) Sie versuchten die alten Werte, die in röchelnden Atemzügen im Sterben lagen, mit dem hektischen Puls der neuen Zeit zu vereinen. Das taten sie nicht ohne guten Grund. Das Zimmer, von dessen Existenz nur eine Handvoll Eingeweihter wusste, befand sich neben einem ebenfalls geheimen Raum in der Vatikanstadt. Das Zimmer war der Überwachungsraum für einen Exorzismus. (Hier fehlt mir der Kick, den du sonst so gerne bei einem Einstieg bringst. Der Haken, der Knaller, der mich weiterlesen lässt. Kannst du besser)

Runde 2, ich habe die Anmerkungen durchgearbeitet

»Dämon«

Das Zimmer strahlte eine Mischung aus moderner Kälte und altertümlicher Wärme aus. Zwischen den kunstvoll verzierten Möbeln aus dunklem Holz wirkten die Zutaten eines Hightech-Labors wie parasitäre Besucher aus einer fernen Zukunft, die sich ungebeten in diesem für sie fremden Refugium eingenistet hatten, um aus ihren summenden, klickenden und blinkenden Körpern Tentakel aus Kabeln und Leitungen bis in die hintersten Winkel dieser kleinen Welt auszubreiten, um sie letztendlich für sich in Besitz nehmen zu können. (Den Satz habe ich bewusst so gelassen, da ich schon glaube, dass die Mischung aus kurzen und längeren Sätzen einen guten Rhythmus ergeben.) Der Raum diente eindeutig dem Sammeln von Wissen durch Information. Geheimes Wissen. Doch wo die Erbauer des Zimmers noch auf Schriftrollen und Bücher vertraut hatten, die wie vor Schreck verstummte Zeugen einer fernen Vergangenheit in Vitrinen und Schränken entlang der Wände auf das Geschehen herabblickten, verließen sich die jetzigen Nutzer des Zimmers auf Glasfaserkabel, Kameras, Mikrofone, Software und Sensoren.
Mitten in diesem Arrangement aus Vergangenheit und Zukunft saßen oder standen mehrere Männer in den schwarzen Soutanen katholischer Priester. Sie blickten konzentriert auf Monitore, lasen Daten ab, gaben sie an andere Rechnersysteme weiter, wunderten sich über das, was ihnen die höchste technische Entwicklung der Menschheit anzeigte, und was am Ende doch aus den Untiefen der Zeiten kam, als die Erde noch eine Scheibe und die Sonne noch ein Gott des Lebens war. (An dem Satz knabbere ich noch. Nächste Runde habe ich da aber eine Alternative) Zeiten, in denen ein Zimmer wie dieses als ein Hort der schwärzesten Magie bezeichnet worden wäre und man die Priester umgehend auf dem Scheiterhaufen verbrannt hätte, bevor man diesen Raum mit den stärksten Möglichkeiten der weißen Magie versiegelt und jedem Sterblichen das Betreten dieses Ortes unter der Androhung der schrecklichsten Strafen untersagt hätte. Doch diese Zeiten waren vorbei. Schließlich war das 21. Jahrhundert angebrochen. Menschen konnten über unglaubliche Entfernungen hinweg miteinander in Echtzeit kommunizieren, Wissen flirrte in stygischen Datenströmen über den gesamten Erdball und die Zeit des Glaubens und der Wunder war vorbei. Engel waren von flüchtigen Stars und Sternchen abgelöst worden, Predigten fanden nicht mehr in Kirchen, sondern im Fernsehen oder dem Internet statt, wo die Priester des neuen Glaubens Maßanzüge statt heiliger Gewänder trugen und Wunder immer schnelleren, bunteren und noch mehr Funktionen in sich vereinenden elektronischen Spielzeugen Platz gemacht hatten.
Die Geistlichen versuchten die alten Werte, die in röchelnden Atemzügen im Sterben lagen, mit dem hektischen Puls der neuen Zeit zu vereinen. Das taten sie nicht ohne guten Grund. Das Zimmer, von dessen Existenz nur eine Handvoll Eingeweihter wusste, befand sich neben einem ebenfalls geheimen Raum in der Vatikanstadt. Das Zimmer war der Überwachungsraum für einen Exorzismus.
Man wollte mich austreiben.

Dann kam der Lektor wieder zum Zuge

»Dämon«

Das Zimmer strahlte eine Mischung aus moderner Kälte und altertümlicher Wärme aus. Zwischen den kunstvoll verzierten Möbeln aus dunklem Holz wirkten die Zutaten eines Hightech-Labors wie parasitäre Besucher aus einer fernen Zukunft, die sich ungebeten in diesem für sie fremden Refugium eingenistet hatten, um aus ihren summenden, klickenden und blinkenden Körpern Tentakel aus Kabeln und Leitungen bis in die hintersten Winkel dieser kleinen Welt auszubreiten, um sie letztendlich für sich in Besitz nehmen zu können. (Ja, mit dem Rhythmus hast du recht. Aber direkt zu Beginn ist es haarig. Darf ich einen Vorschlag machen? Lies ihn laut, so als wärst du bei einer Lesung. Wenn du ihn problemlos und betont lesen kannst, okay. Wenn nicht … 😀 ) Der Raum diente eindeutig dem Sammeln von Wissen durch Information. Geheimes Wissen. Doch wo die Erbauer des Zimmers noch auf Schriftrollen und Bücher vertraut hatten, die wie vor Schreck verstummte Zeugen einer fernen Vergangenheit in Vitrinen und Schränken entlang der Wände auf das Geschehen herabblickten, verließen sich die jetzigen Nutzer des Zimmers auf Glasfaserkabel, Kameras, Mikrofone, Software und Sensoren.
Mitten in diesem Arrangement aus Vergangenheit und Zukunft saßen oder standen mehrere Männer in den schwarzen Soutanen katholischer Priester. Sie blickten konzentriert auf Monitore, lasen Daten ab, gaben sie an andere Rechnersysteme weiter, wunderten sich über das, was ihnen die höchste technische Entwicklung der Menschheit anzeigte, und was am Ende doch aus den Untiefen der Zeiten kam, als die Erde noch eine Scheibe und die Sonne noch ein Gott des Lebens war. (Okay, ich warte mal ab. Ein eher aufzählender Charakter könnte diesem Gedanken, den du in eine Satz gepackt hast, nicht schaden, denke ich) Zeiten, in denen ein Zimmer wie dieses als ein Hort der schwärzesten Magie bezeichnet worden wäre und man die Priester umgehend auf dem Scheiterhaufen verbrannt hätte, bevor man diesen Raum mit den stärksten Möglichkeiten der weißen Magie versiegelt und jedem Sterblichen das Betreten dieses Ortes unter der Androhung der schrecklichsten Strafen untersagt hätte. Doch diese Zeiten waren vorbei. Schließlich war das 21. Jahrhundert angebrochen. Menschen konnten über unglaubliche Entfernungen hinweg miteinander in Echtzeit kommunizieren, Wissen flirrte in stygischen Datenströmen über den gesamten Erdball und die Zeit des Glaubens und der Wunder war vorbei. Engel waren von flüchtigen Stars und Sternchen abgelöst worden, Predigten fanden nicht mehr in Kirchen, sondern im Fernsehen oder dem Internet statt, wo die Priester des neuen Glaubens Maßanzüge statt heiliger Gewänder trugen und Wunder immer schnelleren, bunteren und noch mehr Funktionen in sich vereinenden elektronischen Spielzeugen Platz gemacht hatten.
Die Geistlichen versuchten die alten Werte, die in röchelnden Atemzügen im Sterben lagen, mit dem hektischen Puls der neuen Zeit zu vereinen. Das taten sie nicht ohne guten Grund. Das Zimmer, von dessen Existenz nur eine Handvoll Eingeweihter wusste, befand sich neben einem ebenfalls geheimen Raum in der Vatikanstadt. Das Zimmer war der Überwachungsraum für einen Exorzismus.
Man wollte mich austreiben. (Du sollst schon wieder geschieden werden???? 😉 )

Und dann endlich die finale Version.
Bevor sie feststand, haben der Lektor und ich mehrfach per Mail verschiedene Variationen der angemerkten Sätze ausgetauscht.

»Dämon«

Das Zimmer strahlte eine Mischung aus moderner Kälte und altertümlicher Wärme aus. Zwischen den kunstvoll verzierten Möbeln aus dunklem Holz wirkten die Zutaten eines Hightech-Labors wie parasitäre Besucher aus einer fernen Zukunft. Künstliche Kraken, die aus ihren summenden, klickenden und blinkenden Körpern Tentakel aus Kabeln und Leitungen bis in die hintersten Winkel dieser kleinen Welt auszubreiten, um sie letztendlich für sich in Besitz nehmen zu können. Der Raum diente eindeutig dem Sammeln von Wissen durch Information. Geheimes Wissen. Doch wo die Erbauer des Zimmers noch auf Schriftrollen und Bücher vertraut hatten, die wie vor Schreck verstummte Zeugen einer fernen Vergangenheit in Vitrinen und Schränken entlang der Wände auf das Geschehen herabblickten, verließen sich die jetzigen Nutzer des Zimmers auf Glasfaserkabel, Kameras, Mikrofone, Software und Sensoren.
Mitten in diesem Arrangement aus Vergangenheit und Zukunft saßen oder standen mehrere Männer in den schwarzen Soutanen katholischer Priester. Sie blickten konzentriert auf Monitore, lasen Daten ab und gaben sie an andere Rechnersysteme weiter. Verwunderung und Entsetzen lagen beinahe greifbar über den Männern als sie erkannten, was ihnen die derzeit höchste technische Entwicklung der Menschheit anzeigte. Etwas, das aus den Untiefen der Zeiten kam, als die Erde noch eine Scheibe und die Sonne noch ein Gott des Lebens war. Eine Präsenz, die entgegen allen modernen Wissens, einfach nicht existieren konnte, obwohl ihnen ihr Glaube und die gewonnenen Daten das Gegenteil bewiesen. Doch die Zeiten des Glaubens waren vorbei. Schließlich war das 21. Jahrhundert angebrochen. Menschen konnten über unglaubliche Entfernungen hinweg miteinander in Echtzeit kommunizieren, Wissen flirrte in stygischen Datenströmen über den gesamten Erdball und die Zeit des Glaubens und der Wunder war vorbei. Engel waren von flüchtigen Stars und Sternchen abgelöst worden, Predigten fanden nicht mehr in Kirchen, sondern im Fernsehen oder dem Internet statt, wo die Priester des neuen Glaubens Maßanzüge statt heiliger Gewänder trugen und Wunder immer schnelleren, bunteren und noch mehr Funktionen in sich vereinenden elektronischen Spielzeugen Platz gemacht hatten.
Die Geistlichen, die so entsetzt und verblüfft auf ihre technischen Spielzeuge starrten, versuchten die alten Werte, die in röchelnden Atemzügen im Sterben lagen, mit dem hektischen Puls der neuen Zeit zu vereinen. Und das taten sie nicht ohne guten Grund. Das Zimmer, von dessen Existenz nur eine Handvoll Eingeweihter wusste, befand sich neben einem ebenfalls geheimen Raum in der Vatikanstadt. Das Zimmer war der Überwachungsraum für einen Exorzismus.
Man wollte mich austreiben.

Die Arbeiten an diesem kurzen Stück Text haben insgesamt, von der ersten Idee für die gesamte Geschichte, über das Verfassen des Einstiegs bis hin zu seiner finalen Version etwa 2 Wochen in Anspruch genommen. Das Lektorat ist also etwas ebenso anstrengendes und zeitintensives, wie das Schreiben selber. Aber ich finde, es lohnt sich.
Niemand ist perfekt und macht von Anfang alles richtig. Und eine Überarbeitung, die im gegenseitigen Respekt stattfindet, kann einen Text einfach nur verbessern.
Das Projekt, zu dem dieser Einstieg gehört, ist derzeit in Arbeit. Ich habe während des Lektorats festgestellt, dass ich noch einiges Recherchieren muss, um die gesamte Idee für diesen Roman so umsetzen zu können, dass ich selber auch damit zufrieden bin.
Aber das erste Kapitel ist bereits fertig und diesem Beitrag als pdf zum Download angehangen.
(Kapitel 1 „Dämon“ des hier besprochenen Projekts zum freien Download Dämon )

Nächste Woche werde ich mich (hoffentlich pünktlich) mit Klischees befassen.
Diesen glitschigen kleinen Dingern, die einem als Autor das Leben oft so schwer machen können.
Bis dahin wünsche ich allen Besuchern meines Blogs eine gute Woche, ein tolles Wochenende und vor allem a little less conversation, a little more action please 😉

D.J.Franzen

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