Klischee und Vorurteil

Wir kennen sie alle, die Klischees vom dumpfdödeligen Bodybuilder, der in den Armen 20.000 Volt Spannung hat, aber in der Birne nur Kriechströme. Wir alle kennen das Klischee von der Hure mit dem goldenen Herzen, dem abgeschmackten Kommissar mit Alkohol- und / oder Psychoproblemen, vom arroganten Arzt und der gut aussehenden Schwester, die am Ende doch entgegen aller ihrer emanzipatorischen Überzeugungen in die starken Arme des Weißkittels sinkt und wohlig seufzt.
Wir kennen aber auch die Klischees der verschiedensten Settings von Romanen und Filmen, wo der Böse immer hässlich wie die Nacht ist und dem Guten erst seine ganzen perfiden Plan beichtet, bevor er ihn in einer aussichtslosen und absolut tödlichen Falle zum Sterben alleine lässt. Oder von der großen Zombiekatastrophe, die nur einige Wenige überleben die sich dann gemeinsam irgendwo verschanzen nur um die gleichen Fehler wie vor dem Mega-GAU zu wiederholen und sich gegenseitig das Leben schwer zu machen.

Im wahren Leben, das immer schneller und hektischer und der Druck auf den Einzelnen immer größer und dichter wird, sind Vorurteile eine Hilfe, um die Vielzahl an Eindrücken und Informationen, die pausenlos wie ein Hagelschauer auf uns einprasseln zu sortieren und sie helfen uns dabei, eine gewisse Ordnung in dieses Chaos zu bringen.
In der Literatur nennt man Vorurteile »Klischees« und irgendwie scheinen sie wie Landminen zu sein, die vor einem Autor bei jedem einzelnen Wort, jedem Satz und jedem Absatz wie bösartige Kastenteufel aus dem Text herspringen können, um mit einem gewaltigen BÄNG den Text zu vernichten.
Das Problem dabei:
Es wurde alles schon einmal geschrieben, gesagt oder verfilmt, so wie wir auch im echten Leben schon vieles gesehen, gehört und erlebt haben, wodurch wir nach einem kurzen Blick, einem Wort oder einem kurzen Erlebnis schon zu wissen glauben, was als Nächstes kommt oder dahinter steckt.
Wie zur Hölle soll man als Autor da durch?
Wie soll man da das Rad neu erfinden?

Nun, ich bin in Sachen Klischees auch kein Kind von Traurigkeit oder gar ein Heiliger, der trockenen Fußes über die stinkende Brühe der abgeschmackten Ideen und Bilder wandelt! Ganz im Gegenteil, als Autor bediene ich mich auch ganz gerne dieser abgenudelten Ideen und Bilder.
Ein Patenrezept für oder gegen Klischees habe ich also auch nicht.
Hätte ich eines, würde ich es als Lizenz teuer verkaufen und danach an einem weißen Strand, unter einem herrlich blauen Himmel die Wellen zählen und meine Fußnägel beim Wachsen beobachten. Dafür habe ich aber eine gesunde LMAA-Einstellung zu Klischees, egal ob es dabei um Figuren oder um Settings geht. Immerhin schreibe ich Unterhaltungsliteratur, keine Fachbücher über Quantenmechanik. Ich möchte die Leser unterhalten, ihnen Spannung und Spaß bieten, und ihnen nicht die echte Welt erklären. Trotzdem nehme ich die Leser ernst, also muss ich auch mit Klischees auseinandersetzen und den Menschen, die für meine Geschichten Geld ausgeben, versuchen etwas zu bieten. Also versuche ich Klischees, wenn ich sie einsetze, abzumildern und wo es geht, mit ihnen zu brechen.

Was ist überhaupt ein Klischee?
In erster Linie ist ein Klischee, wie ich oben schon sagte, wie ein Vorurteil.
Im wahren Leben wissen wir alle, das Beamte faul sind, das Friseusen Mantafahrer heiraten (die nur montags beigesetzt werden, damit alle Friseurgeschäfte an einem einheitlich festgesetzten Tag geschlossen haben) und Blondinen sind entweder Models oder dumm.
Wenn uns dann im wahren Leben ein Beamter flott und unbürokratisch hilft, eine Friseurin keinen Mantafahrer zum Freund hat und die Blondine sich als Studentin der Mathematik zu erkennen gibt, sind wir erstaunt, verblüfft und wissen nicht so recht, was wir sagen sollen.
Das Vorurteil ist widerlegt, das Klischee ist gebrochen.
In der Literatur ist es nicht ganz so leicht, denn im wahren Leben können wir diesen Bruch mit den »festen Regeln« ganz gut verkraften oder uns mit dem Gedanken, dass jede Regel eine Ausnahme braucht, abwenden. In der Literatur ist es nicht ganz so einfach, denn dort sind wir als Leser mehr oder weniger in der Welt des jeweiligen Autors gefangen und auch viele Klischeebrüche sind inzwischen schon derartig ausgeleiert und abgenutzt, dass sie selber schon wieder Klischees sind.

Als ich zum Beispiel die Armageddon-Serie anfing, war mir bewusst, dass ich speziell in den ersten beiden Bänden in jedes nur erdenkliche Klischee-Fettnäppchen treten würde, das jemals erdacht wurde. Und auch während ich die beiden derzeit aktuellen Kurzgeschichten »Der Nomade« und »Body-Modification« schrieb, wusste ich, dass auch sie voller Klischees waren und ich niemals die höheren Weihen des Feuilletons erhalten würde.
In der Serie hatte ich einen Ingenieur mit spaßig-paranoiden Anwandlungen (weird Scientist), eine Erotikdarstellerin mit praller Oberweite, einen wehrhaften Pfarrer, der vom Glauben abgefallen war und einen Junkie mit ’nem Affen im Nacken, der direkt zu Anfang am liebsten seine Finger fingern und seine Knöchel knöcheln lassen wollte, weil ihm der kalte Entzug bevorstand. In »Body-Modification« habe ich einen recht vulgären Ich-Erzähler gewählt, der, wie sollte es auch anders sein, einen Nachtklub und mehrere Sex-Shops führt. Und in »Der Nomade« habe ich von Mad Max bis hin zu sämtlichen Spaghetti-Western so ziemlich alles in die Hauptfigur und die ersten Szenen gepackt, was ging.
Das habe ich bewusst in Kauf genommen (LMAA-Einstellung eben) und auch aus guten Gründen getan, denn …

… manchmal muss ein Autor tun, was ein Autor tun muss.
Klischees sind, bei allen Gefahren, die sie für einen Autor darstellen, auch eine sehr hilfreiche Sache. Sie können dem Leser dabei helfen, sich in der Welt zurechtzufinden, die wir vor ihnen ausbreiten. Sie können als Wegweiser oder alte Freunde dienen, die unsere Leser an die Hand nehmen und in unsere erdachten Welten entführen.
Man muss als Autor Klischees allerdings in homöopathischen Dosen einsetzen.
Und man sollte ihnen vor allen Dingen ausreichend Platz gewähren, damit sie sich selber widerlegen oder erklären können. Das ist in meinen Augen der eigentliche Knackpunkt im Umgang mit Klischees.
Oft werden sie einfach nur mit lapidaren Sätzen oder Wendungen gebrochen, frei nach dem Motto: »So isses eben, nimm hin.«
Finde ich persönlich furchtbar, denn meistens sind diese »Klischee-Entschärfungen« eher »Klische-Zünder« und entsprechen der Hektik und Geschwindigkeit des vorherrschenden Zeitgeists.
Schnell, schneller und die optimierte Optimierung der optimierten Optimierung um noch schneller zu werden und noch mehr leisten, aufnehmen und zum nächsten Punkt springen zu können.
Zeit, um mal hinter die Fassade zu schauen?
Habichnichtmussweiterjetzt!
Ä-T-Z-E-N-D
Aber sowas von!
Ich wünsche mir als Leser vernünftige Erklärungen für diese Brüche mit dem Klischee. Dabei muss mir weder die Welt erklärt werden, noch möchte mich in einer quantenphysikalischen Philosophieabhandlung wiederfinden.
Einfache Worte, für einfache Dinge mit der Zeit, die diese Dinge eben brauchen.
Ein Apfelbaum muss auch erst wachsen, bevor wir wieder herzhaft zubeißen können, oder?
Als Autor einfach nur zu behaupten, dass der Bodybuilder mit den Kriechströmen im Hirn in Wahrheit einen Abschluss in Quantenphysik hat, ist mir zu mager. Da muss also mehr Fleisch an die Behauptung, das muss Tiefe in die Figur rein.

Der Bodybuilder mit dem Doktortitel *gääääähn*
Bleiben wir mal bei dem typischen Beispiel vom Bodybuilder.
Vielleicht war der muskelbepackte Hüne von Heute in seiner Kindheit ein schmalbrüstiger Hänfling, der wegen seiner überragenden Intelligenz und seinem zerbrechlichen Körperbau von den Mitschülern gemobbt wurde? Vielleicht wuchs in ihm daraus kein Frust oder eine handfeste Depression, sondern eine schwärende Wut auf die Oberflächlichkeit seiner Umwelt, die er mit Hanteln und Klimmzügen abzutrainieren begann? Vielleicht erkannte er ja sehr schnell, dass ein muskelgestählter Körper die Blicke der Anderen ablenken würde, dass er eine Art Rüstung oder Maske sein könnte, die seine Intelligenz vor den flüchtigen Blicken der Anderen verbergen und ihm Ruhe vor ihrem Neid bieten würde?
Und wenn wir diesen Gedanken weiterspinnen … welche Möglichkeiten eröffneten sich für ihn, als er das Beste aus beiden Welten in sich vereinte? Welche Probleme hat er nach wie vor im Umgang mit anderen Menschen?

Da haben wir also das perfekte Klischee:
Den Hünen mit den Muskelpaketen aus Stahl.
Und wir haben den typischen, weil oft genutzten, Bruch mit diesem Klischee, die Figur ist nämlich hochintelligent.
Jetzt hat der Autor sowohl für das Klischee als auch für dessen Bruch eine zufriedenstellende Erklärung.
Jetzt muss er dieses Paket nur auch noch aktiv verpacken. Also statt einfach nur die Lebensgeschichte dieser Figur in einem schnellen Absatz runterzutippen, sie in mehrere Dialoge einweben oder sie mittels kurzer Einblicke in das Innenleben der Figur an den Leser bringen. Dann ist das Klischee erfolgreich eingesetzt und gewinnbringend gebrochen worden. Er sollte dem Klischee, vor allem seinem Bruch ausreichend Zeit und Platz geben, um Tiefe zu gewinnen.

Sicher, es wird immer Leser geben, die keine Zeit haben und nach den ersten Sätzen …
»Dr. Dieter Weiler war ein Kleiderschrank von einem Kerl. 190cm geballte Muskelmasse.«
… aufstöhnen und sagen: »Och nö, nicht schon wieder ein Conan der Bibliothekar!«
Aber es wird auch Leser geben, die sich anhand dieser Worte ein erstes Bild von Dr. Dieter Weiler machen und dann gespannt darauf warten, WIE der zu seinem Doktortitel gekommen ist oder WARUM er seine Muskeln so aufgepumpt hat. Diese Leser können sich in der Welt des Autors dank dieser Figur zurechtfinden, sie können die Figur direkt erkennen und durch den langsamen Bruch hat der Autor am Ende vielleicht sogar Nähe zu dieser Figur geschaffen.

Die Gefahr im Umgang mit Klischees
In der Armageddon-Serie, wo ich den entsprechenden Platz dazu hatte, habe ich auch versucht, dem Setting und den Figuren diesen notwendigen Platz einzuräumen. Und das langsam und (hoffentlich) auf unerwartete Weise.
Das althergebrachte Setting brach recht schnell mit allen Konventionen, weil ich die Zombies in Deutschland auf die Menschheit losließ, anstatt in Übersee. Die Figuren aus den ersten beiden Bänden, die bewusste Klischees waren, erhielten im weiteren Verlauf der Handlung ihre Chance, ihr Verhalten (und somit ihr Klischee) zu erklären.
Die Bewohner eines Dorfes in dem Band »Kaltes Land«, das sich zu Beginn der Katastrophe von der Außenwelt abgeschottet hatte, wirkt auf den ersten Blick wie ein Viertes Reich im Kleinen, besteht aber in Wahrheit nur aus verängstigten Menschen, welche die Welt da draußen nicht mehr verstanden haben und die deswegen wie der berühmte Vogel Strauß, die Köpfe in den Sand steckten und einem Führer folgten, der ihnen Sicherheit versprach. Aus den Figuren habe ich also versucht, die Facetten normaler Menschen herauszuarbeiten.
In den beiden aktuellen KG’s ging es mir darum, die Leser so früh wie möglich an die Hand zu nehmen, damit ich sie meine kleinen Welten entführen konnte. Eine Sightseeingtour, für die ich aufgrund der Länge einer KG eben nur wenig Zeit hatte.
Nach der klischeebehafteten Einführung wandelt sich die eine Geschichte in eine Parabel von der Sinnlosigkeit des Krieges, in der Leben erschaffen wird, um Leben zu vernichten (»Der Nomade«) und in der anderen habe ich versucht mit dem Tonfall des Erzählers, der eher zu einem Hardcoresplatter passt, zu zeigen, dass es auch ohne viel Blut und Gemetzel gelingen kann, harte Storys zu erzählen (»Body-Modification«).

Das hat nicht bei allen Lesern funktioniert. Ich habe wegen meiner »platten und klischeehaften Figuren« schon jede Menge Kritik einstecken müssen.
Ist eben so, da kann ich im Nachhinein nichts gegen machen.
Aber die Leser, die sich die Zeit genommen haben in meine Welten abzutauchen, die habe ich dadurch gewonnen. Und das sollte das Ziel eines jeden sein, der Geschichten schreibt:
Die Leser dort abholen, wo sie warten, sie mit Bekanntem (oder auch vermeintlich Abgeschmacktem) ködern und diesen Köder dann gemütlich und fundiert ins Gegenteil verkehren oder erklären.

Unterhaltsames Schreiben ist wie eine Verführung, wie ein Balz- und Imponiergehabe unter Pfauen.
Jemand Wildfremden, der sich auf vollkommen unbekannte Art und Weise artikuliert oder redet, wird sich niemand in die Kiste holen. Da greifen wir alle doch lieber auf Altbekanntes, das wir verstehen und einschätzen können, zurück. Oder haben Sie jemals einen Pfauen gesehen, der sich mit einem Strauß paarte?
Wie groß ist dann unsere Überraschung, wenn wir ein schmächtiges Kerlchen (Strauß) neben einem Supermodell (Pfau) sehen? Wie schnell ist da das Vorurteil des dicken Bankkontos zur Hand? Aber liegt es wirklich nur an der dicken Brieftasche des Hänflings? Oder bringt er sie nicht eher zum Lachen oder ist sogar eine Granate im Bett?
Das finden wir nur heraus, wenn wir die beiden länger kennen.
Dafür müssten wir Zeit investieren.
Und DAS muss einem Autor gelingen.
Die Leser dazu zu bringen, sich die Zeit für seine Geschichte zu nehmen.
Das Klischee, das altbekannte Bild, kann dabei helfen.
Und wenn es nicht geklappt hat … wie viele Blind-Dates enden denn wirklich noch am gleichen Abend in der Kiste?

Das Klischee, Krücke und zweischneidiges Schwert
Ein Klischee kann also auch auf beiden Seiten des Schreibtisches eine Hilfe sein.
Für den Autor, der seine Leser dort abholen kann, wo sie auf ihn warten. Und für den Leser, der bekannte Wegpunkte sieht, an denen er sich in der Welt des Autors orientieren kann.
Aber diese Klischees müssen rechtzeitig gebrochen, verdreht invertiert werden, damit sie auch Wirkung zeigen. Und dieser Bruch mit den Klischees benötigt Zeit und Raum, um gewissenhaft ausgeführt zu werden, damit er nicht selber zu einem Klischee verkommt.

Diese Zeit nehmen sich nicht alle Menschen. Darüber sollte man sich als Autor im Klaren sein. Die Gefahr, die Leser mit einem Klischee abzuschrecken und zu verlieren, ist groß. Es ist beim Schreiben wie im echten Leben, wo ein Vorurteil schnell bei der Hand ist, aber wo es Zeit braucht, damit man es abbauen kann.
Nehmen wir uns diese Zeit, dann werden wir sehen, dass der faule Beamte in einem Berg aus Akten versinkt und eben nicht faul ist. Nehmen wir uns die Zeit um hinter die Fassade zu blicken, erkennen wir vielleicht, dass Friseusen nicht nur Manta-Fahrer heiraten, die ausschließlich montags beigesetzt werden, sondern dass sie deshalb an diesem Tag Frei haben, damit auch sie in den Genuss von zwei aufeinanderfolgenden freien Tagen kommen. Und wenn wir genau hinsehen erkennen wir vielleicht, dass Blondinen manchmal cleverer sind, als man denkt. Denn viele von ihnen spielen bewusst mit den Vorurteilen, die man ihnen entgegenbringt.
Weil man sie dann unterschätzt und sie Zeit und Ruhe haben, ihre Fähigkeiten auszuspielen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Besuchern meines Blogs eine entspannte und weniger hektische Zeit, in der Sie sich mal zurücklehnen können, um die Dinge in Ruhe und Gelassenheit zu betrachten.
Eine Zeit, in der Sie mal wieder ein gutes Buch lesen können, das vielleicht mit einem Klischee eröffnet wird, welches sich aber im Verlauf der Geschichte selber erklärt oder bricht und Ihnen ein tolles und tiefes Leseerlebnis schenkt.
Eine Zeit, in der auch Sie nicht im Vorbeigehen durch die Brille der Vorurteile gesehen und als wandelndes Klischee betrachtet werden, sondern als Mensch mit eigenem Hintergrund und eigener Geschichte, die Sie zu dem machte, was Sie jetzt sind.

D.J.Franzen

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