Über das Schreiben, Teil 1 (Grundlegendes)

Vor kurzem hat mich ein Freund gebeten, ihm etwas über das Schreiben unterhaltsamer Texte zu erzählen.
Ich war baff erstaunt, dass er ausgerechnet mich fragte, bin ich doch eigentlich der Letzte, den man um so einen Gefallen bitten sollte.
Aber okay, ich fühlte mich ob dieser Anfrage ordentlich gebauchpinselt und habe ihm versprochen das Wenige, das ich über unterhaltsames Schreiben zu zu wissen glaube, aufzuschreiben.
Herausgekommen ist dabei ein nicht ganz ernst gemeinter Schreibratgeber, den ich hier dann auch in mehreren Folgen einstelle.

Viel Spaß mit »D.J. und wie er das Schreiben sah« 😉

Teil 1 »Grundlagen«

1. Schreiben kann jeder
Falsch.
Unterhaltsames oder informatives Schreiben ist zu 1% Talent und zu 99% harte Arbeit. Als Testleser, aber auch als zahlender Konsument, habe ich in den letzten 18 Jahren schon sehr vieles gelesen das alles Mögliche war, aber weder unterhaltsam noch informativ. Wer so schreiben will, das andere Menschen es gerne lesen und vielleicht sogar Geld dafür ausgeben, sollte sich von dem Bild des gedankenverloren in die Welt starrenden Schriftstellers, der auf den göttlichen Funken wartet, verabschieden.
Schreiben frisst.
Zeit, Freundschaften und Kraft.
Wer nur mal eben zwischendurch, zwischen 12:00 Uhr und Mittags Zeit zum schreiben findet, sollte seine Ergüsse bitte in der Schublade behalten. Wer nicht dazu bereit ist, in das Schreiben Zeit und Kraft zu investieren, der sollte hier abbrechen und besser nicht weiterlesen.

Lektion 1
Schreiben ist zeitintensives und kontinuierliches Arbeiten an sich selbst und an seinem Text.
Schreiben ist egoistisch und verlangt viel.
Vor allen Dingen Zeit.

2.Disziplin und Zeitmanagement

Wenn Schreiben also harte Arbeit ist, dann ist die wichtigste Tugend des angehenden Autoren Disziplin. Die erreicht man durch Zeitmanagement. Wer, wie oben bereits gesagt, im Trubel des Alltags, zwischen dem Pfeifen der neuesten Whats-App Nachricht und dem umpfzigsten Selfie oder der »Ich hatte gerade Stuhlgang!«-Meldung auf Facebook, zwischen Familie, Freunden, Ehefrau und Geliebter nicht bereit ist, mindestens 2 Stunden zusammenhängender und konzentrierter Schreibzeit pro Tag irgendwie zusammen zu bekommen, der sollte es vergessen und sich von diesem Traum (und von diesem kleinen »Ratgeber«) verabschieden.
Nichts ist für einen zahlenden Leser schlimmer, als ein zwischen Tür und Angel oder am Wochenende zwischen Disco und Tatort dahingerotzter Text, an dem der Autor unkonzentriert und planlos gesessen hat. Das ist sogar im allerhöchsten Maße respektlos, wie ich finde. So ein Text stiehlt den Lesern Zeit und schlimmstenfalls auch Geld.
Wie bekommt man diese Zeit?
Das ist jedem selbst überlassen. Ich selber habe oft »Nachtschichten« eingelegt, weil mir ein tobsüchtiger Alltag das Schreiben zu christlichen Zeiten versagte. Zu anderen Zeiten habe ich mich bewusst zurückgezogen und meiner Umwelt gesagt, dass ich für die nächsten X Stunden nicht gestört werden möchte, ganz egal, ob die Toilette Würstchenwasser hochrülpst, der Hund ferkelt, die Katze kalbt oder ein Meteorit von der Größe des US-Bundesstaates Texas auf die Erde zurast.
Der nächste Punkt in Sachen Disziplin und Zeitmanagement:
Jeden Tag schreiben.
Egal ob Weihnachten, Ostern oder Geburtstag. Gutes Schreiben erfordert Training und brutale Regelmäßigkeit, so wie der Muskel eines Sportlers. Wird der Muskel nicht regelmäßig trainiert wird, verkümmert er. Verdammt, selbst Hooligans trainieren jeden Tag, damit sie am Wochenende, wenn es darauf ankommt, fit sind.
Autoren müssen immer fit und bereit sein.
Wer nicht dazu bereit ist, seine Umwelt und den Alltag bewusst und jeden Tag für eine feste Zeit auszublenden, der sollte es bleiben lassen.
Oder einen Anfängerkurs für Batik auf der VHS belegen.

Lektion 2
Unterhaltsames Schreiben ist konzentrierte Arbeit und kein Hobby, das man nebenbei pflegt und sich am Wochenende oder nach Lust und Laune dransetzt, um mal ein paar Worte zu tippen. Schreiben ist egoistisch.
Der Autor muss also auch egoistisch werden.

3. Kenne und pflege deine Werkzeuge

Die Werkzeuge des Autors sind sein Wortschatz (3.1), seine Beobachtungsgabe, seine Menschenkenntnis (beide 3.2) und sein bevorzugtes Schreibutensil (3.3).

3.1 Wortschatz
Damit sind nicht die Kenner von Kreuzworträtseln angesprochen, die mäandernde Flussläufe, verbrämte Hasardeure oder sonstige Worte kennen, die im Alltag kaum Anwendung finden. Mit Wortschatz ist gemeint, in jeder Lage des Alltags die passenden Worte zu finden. Wen einem auf einem Mittelaltermarkt die jähe Ladung lautstark durch die Därme saust, ist ein »Mich deucht, mir ist ein Lüftchen entfleucht«, vielleicht angemessen. In einer Runde einfacher Arbeiter ist es jedoch meistens so, dass nur Wissenschaftler in Schutzanzügen der Klasse III, Männer und kleine Kinder die entflohenen Körpergase mit einer nahezu religiös-andächtigen Ehrfurcht olfaktorisch begutachten und kommentieren können. Ein »Heilige Scheiße! Es hätte mich fast zerrissen!«, oder »Alter! Du stinkst nach tausendjähriger Verwesung!« ist hier passender.
Wofür das gut ist?
Ganz einfach:
Jede Figur, die ein Autor entwirft, hat einen eigenen Bildungsstand, eine eigene Sprache und eine ganz persönliche Art und Weise die Welt zu sehen und in Worte zu fassen. Die Aufgabe des Autors ist es, diese Stimmen seiner Figuren für die Leser nachvollziehbar zu machen. Eine alte Oma, die sich einen Hammer auf den Finger haut wird vielleicht »Scheibenkleister!« rufen. Aber ein Bauarbeiter wird sich mit Sicherheit keinen »Fluch zwischen den Lippen verbeißen« (bitte so etwas niemals verwenden! Solche indirekten Dialoge sind meine ganz persönlichen Hassobjekte. Und damit stehe ich nicht alleine da.) sondern herzhaft seinem Unmut Luft verschaffen. Das wird den Autor nicht unbedingt eine Einladung zu Tante Käthes Teekränzchen verschaffen, gehört aber zu guter Unterhaltung eben dazu.
Lesen ist Kopfkino.
Dialoge sind der Soundtrack dazu.
Ist der nicht den Figuren entsprechend oder sogar vom Autor unehrlich komponiert, weil er auf sein Ansehen bedacht ist, ist der ganze Text Scheiße. 😉

Lektion 3.1
Bauarbeiter fluchen oft vulgär, Rohrspatzen schimpfen schrill und Omas leise und mit Anstand.
Alles andere ist gequirlter Quark.

3.2 Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe
Autoren sollten ihre Umwelt und ihre Mitmenschen gut beobachten. Wie schon unter 3.1 gesagt, wird eine Oma anders fluchen als ein Bauarbeiter und ein Mensch aus dem Mittelalter anders reden als einer aus der Neuzeit. Dazu kommen die verschiedenen Verhaltensweisen, die auch die Figuren des Autors an den Tag legen sollten. Es gibt Menschen, die schauen auf imaginäre Punkte hinter einem, wenn sie mit jemandem reden, es gibt solche die wissen nicht wohin mit ihren Händen, andere popeln in der Nase, wenn sie sich unbeobachtet fühlen … Lesen ist Kopfkino.
Die Aufgabe des Autors ist es, die Bilder im Kopf des Lesers am Laufen zu halten und sie angemessen zu seinen Figuren zu komponieren. Gleiches gilt für die Welt als Ganzes. Wetter, Gerüche, Temperaturen, Gebäude, Gegenden und immer wieder die Menschen.
Wie ist dieser Mensch so geworden?
Was mag seine Geschichte sein, sein Background?
Warum verhält er sich jetzt so?
Wie empfinde die jetzige Situation?
Wie kann ich das Gebäude / den Wald / die Luft / den Geruch plastisch beschrieben?
usw. usf.
Die essentiellen Fragen eines jeden Autors.
Die sollte sich jeder, der sich an einen unterhaltsamen Text begibt, immer wieder stellen.

Lektion 3.2
Der Autor muss mit offenen Sinnen durchs Leben gehen. Das ist ein wichtiges Werkzeug für sein späteres Schreiben, denn er muss die Welt und die Figuren, die er entwirft, für seine Leser erlebbar und nachvollziehbar machen. Und manchmal kann man sogar den in der Nase popelnden Sitznachbarn aus der S-Bahn irgendwo verwenden.

3.3 Das Schreibutensil

Egal, ob man mit Faustkeil und Fels, Kohlestück und Pergament, Bleistift und Papier oder Computer und Software schreibt, der Autor sollte seine Hardware kennen und mit ihr umgehen können. Noch besser: Er muss sie blind beherrschen, damit er sich in seiner Schreibzeit voll auf seine wichtigste Aufgabe konzentrieren kann.
Dem Schreiben von unterhaltsamen Texten.
Ob man dafür jetzt hochgezüchtete Software nutzt, oder voll retro auf Schreibmaschine, ist vollkommen egal. Wichtig ist, dass die Bedienung des Schreibutensils mit all seinen Funktionen für ihn so selbstverständlich ist, wie der morgendliche Gang zum Klo.
Wer mitten im Schreibfluss darüber nachdenken muss, wie er den Bleistift spitz kriegt, wo er das Tipp-Ex versteckt hat oder wie die Rechtschreibkorrektur einschaltet, ist raus aus dem Rennen.

Lektion 3.3
Der Autor muss mit seinem bevorzugten Schreibgerät und all seinen Funkionen so sehr vertraut sein, dass er die Funktionen – wie dereinst im Religionsunterricht die zehn Apostel – auch im Halbschlaf runterbeten und sein Schreibgerät bedienen kann.

Im nächsten Eintrag geht es dann um Professionalität, Kenntnisse über den Feind, Pläne, Notizbücher und Furzlogik

Bis dahin

D.J.Franzen

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