Über das Schreiben 3. Teil (Handwerk)

Weiter geht es mit meinem kleinen Schreibratgeberprojekt.
Heute möchte ich etwas über Adjektive und aktives Schreiben los werden.

9.Adjektive
»Meide das Adjektiv!«, wird allenthalben in Autorenforen verlangt.
Toll.
Ein Text ohne Eigenschaftswörter klingt wie eine Gebrauchsanleitung für Präservative. (Obwohl darin in der Regel auch ein Adjektiv versteckt ist. »Erigiert«. Es sei denn, die Anleitung zum Gebrauch eines solchen Verhütungsmittels bedient sich eines etwas vulgäreren Wortschatzes und sagt: »Zieh die die Tüte über den Ständer und dann leg los, Alter!«
Ein Text ohne Adjektive ist also nicht möglich und steht somit im Widerspruch zu der oben genannten Forderung. Deshalb muss man diese Forderung mit anderen Augen lesen:
Zu viele Adjektive können einen Text schwülstig oder zuckersüß daherkommen lassen. Sie können vom wesentlichen ablenken. Daher ist es die Aufgabe des Autors, die Adjektive dosiert und gut durchdacht einzusetzen. Hier spielt auch die Erzählstimme (gehe ich später drauf ein) eine Rolle.
Manchmal kann man Adjektive auch durch knackige (weil kurze) Metaphern ersetzen.
Aber Vorsicht!
Auch dabei macht die Dosierung das Gift erst richtig wirksam oder schlimmstenfalls tödlich.

Lektion 9
Adjektive sind nicht einfach böse. Sie sind ein total hinterhältiges Gift, dass jeden Text zersetzen kann! Aber zugleich sind sie auch eine hochwirksame Medizin. Überdosiert tötet dieses Gift jeden Text. In der richtigen Mischung und Dosis wirken sie wie Doping für das Kopfkino des Lesers.

10. Aktiv schreiben
Damit ist nicht gemeint, dass man sich als Autor einer gewissen Disziplin unterwerfen sollte. Das sollte man sowieso. Vielmehr geht es darum, die Verben eines Satzes aktiv einzusetzen.
Wenn ich damals im zarten Alter von 12 meinen Freunden gesagt hätte, dass mir meine damalige Freundin einen Kuss (mit Zunge!) gegeben hat, hätte ich nicht mehr als ein »Bääh!« oder »Weichkeks!« geerntet.
Warum?
Ganz klar, ich habe mich in dieser Satzkonstruktion küssen lassen (passiv). Starke Kerle sind NIE passiv!
Stattdessen habe ich erhobenen Hauptes gesagt, dass ich sie mit Zunge geküsst hätte und war prompt der Held des Tages. Ich habe die Sache aktiv beschrieben. Ich habe etwas getan und nicht mir machen lassen. Ich hätte es auch so sagen können, das wir uns gegenseitig mit Zunge geküsst haben. Ist immer noch aktiv. Hauptsache, ich habe nichts passiv mit mir machen lassen, sondern aktiv ins Geschehen eingegriffen.
Und so ist es mit beim Schreiben auch.
Selbst wenn der Held gefesselt auf einer Streckbank liegt und gefoltert wird, sollte man das aktiv beschreiben. Dann wechselt man entweder die Perspektive und beschreibt die Szene aus den Augen des Folterers oder man schaut durch die Augen des gefesselten Helden und beschreibt aktiv, was er da erlebt.

Beispiel I (passiv)
Hans Wurst lag hilflos auf der Streckbank. Man hatte ihn auf die Bank gelegt und gefesselt, solange die Betäubung des Nervengifts noch wirkte. Seine Hände und Füße waren so kalt wie Eisklumpen.

Lektorat dazu:
Das Adjektiv »hilflos« brauchen wir nicht. Wer gefesselt auf einer Streckbank liegt, wird wohl kaum eine Polka tanzen. Ob unseren Helden der Hexer oder seiner Helfershelfer auf die Bank gelegt hat, ist egal. Es sei denn, diese hier nicht genannten Helfer spielen noch eine Rolle oder es muss nochmals gezeigt werden, wie stark der Hexer ist (schlaffe Körper zu tragen ist `ne ziemlich harte Sache). So oder so, ist der Satz ätzend passiv.
Weinerlich.
Hans Wurst in seinem Bericht: »Ich wurde auf die Streckbank gelegt und gefesselt.« Boooah, da fehlt nur noch »Mami!« am Ende des Satzes und die Heulsuse ist fertig.
Die Hände und Füße so kalt wie Eisklumpen … auch weg damit. Wenn die Dinger wirklich so kalt wären, hätte Hans Wurst eh nie wieder Verwendung dafür. Viel zu übertrieben.

Beispiel II (Die gleiche Szene überarbeitet und möglichst aktiv beschrieben)
Hans Wurst lag auf der Streckbank. Das Gift, dass seine Muskeln lähmte verlor langsam an Wirkung (schön aktiv, oder?), doch egal was er auch versuchte, Hans bekam nicht mehr als ein Zucken der Wimpern zustande (und wieder aktiv. Der Held kämpft, wenn auch vergebens). Der Hexer von Wolfenbüttel zog die Fesseln an seinen Hand- und Fußgelenken so fest an, dass Hans seine Hände und Füße nicht mehr spürte. (Und jetzt sehen wir einen aktiv beschriebenen Hexer und haben die aktive Erklärung für die kalten Hände und Füße von Hans)

Lektion 10
Aktives Schreiben ist enorm wichtig, wenn die Leser mit den Figuren leben, lieben, leiden, kämpfen sollen. Kein Mensch mag Heulsusen, die geküsst werden, statt selber die Dinge in die Hand zu nehmen.
Vor allem hilft die aktive Verwendung von Verben dabei die Dinge zu zeigen, statt sie zu beschreiben.

Im Nächsten Teil geht es dann auch darum, dass man die Dinge zeigen sollte, statt sie zu beschreiben und um Metaphern

Bis dahin, alle Besuchern meines Blogs eine gute Woche.
Und … küssen Sie mal wieder.
Schön aktiv und mit Zunge 😉

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