Über das Schreiben 4. Teil (Handwerk)

Was lange währt, wird endlich gut.
Hoffe ich zumindest, denn der Alltag und ein hartnäckiger Magen-Darm Virus haben mich ziemlich lange in Beschlag genommen.
Der Alltag ist wieder etwas ruhiger, der Großvater aller Magen-Darm Viren hat sich ein neues Opfer gesucht und bei mir nur seine (zum Glück schwächeren) Enkel zurückgelassen und ich komme endlich dazu, diese kleine Schreibratgeberserie fortzusetzen.
Ich möchte mich für die die lange Wartezeit entschuldigen, aber manchmal muss ein Mann eben tun, was ein Mann tun muss 😉

Weiter geht es also mit Kapitel…

11. »Zeig`s mir, Baby«
oder
»Sag es durch die Blume«

Der nächste Verwandte des aktiven Schreibens ist der zeigende Stil. Er ist, im Gegensatz zum schwarzen Schaf der Familie, dem behauptenden Stil, ein ziemlich quirliges Kerlchen, dem schnell mal die Pferde durchgehen.
Zu einem aktiven und zeigenden Stil gehören seine zahlreichen Cousins und Cousinen, die Metaphern, also vergleichende Bilder, die im Kopf des Leser Assoziationen hervorrufen sollen um die bewegten Bilder eines Films zu ersetzen.
Das ist wichtig, denn ein Text, der im Kopf des Lesers keine Bilder hervorruft, ist ein toter Text.
Man stelle sich eine Rockband vor, die auf der Bühne lustlos rumsteht. Da kann der Sound noch so rocken, der Funke springt nicht über. Und das wollen wir als Autoren von Unterhaltungsliteratur doch nicht, oder?

Schlechte Beispiele:
»Die Zigarette schmeckte ekelhaft.«
»Es war stockfinster.« / »Es war eine stockfinstere Nacht.«

Beides keine Glanzleistungen. Kann man zwar so stehen lassen, aber Blumentöpfe gewinnt man damit nicht. Beide Beispiele behaupten einfach etwas, ohne es im Kopf des Leser in Bewegung zu setzen. Oder um es mit einem Bild auszudrücken:
Die Band ist auf der Bühne, die Boxen dröhnen … und das Publikum schläft ein.

Wie schreibt man also zeigend, statt einfach nur zu behaupten? Wo liegen denn da die Grenzen?
Nun, man kann natürlich eine Behauptung aufstellen, um eine Szene oder ein Bild darzustellen. Ich glaube, es war Raymond Chandler, der im Hardboiled Genre einige der genialsten Behauptungen aufstellte und sie mit Metaphern an den Mann brachte.
»Die Zigarette schmeckte nach alter Matratzenfüllung.«
Okay, das dürfte auch einem militanten Nichtraucher zu einem Kopfbild verhelfen, selbst wenn er nie in seinem Leben alte Matratzenfüllung gekostet hat.
»Die Nacht war dunkler als ein Stall voller Hühnerärsche.«
Sehr bildreich, leicht ordinär aber passend zu Chandlers typischen Erzählstimme.
Zwei Beispiele von Behauptungen, die aber durch die verwendeten Metaphern Bilder zeigen. Damit sollte man jedoch möglichst sparsam umgehen, um den Code, den Sprache darstellt, nicht zu stark auszureizen. Also beginnt man damit, eine Szene / ein Bild nicht zu behaupten, sondern sie zu zeigen.
Bleiben wir mal bei den Beispielen, die ich eben nannte.

Die Zigarette
»Frank griff mit zitternden Fingern nach seiner Zigarettenschachtel. Sie war zerknitterter, als das Gesicht eines hundertjährigen Greises. Endlich hatte er einen Glimmstengel rausgefischt und sich zwischen die Lippen gesteckt. Ein Schnippen, ein tiefer Zug und Frank verzog angewidert das Gesicht. Er versuchte gleichzeitig zu spucken und seine Zunge an der Oberlippe abzureiben, während die Zigarette in die Dunkelheit flog.«

Viel länger, als die kurze, knackige Metapher.
Aber Geschwindigkeit ist nicht alles. Erst recht nicht in unserer optimierten Welt. Wer schnell schreibt, im Sinne von viel Information in möglichst kurzer Zeit, gerät in einen Telegrammstil ohne Melodie und Rhythmus.

Die tiefschwarze Nacht
»Nachdem Frank den Geschmack von verbranntem Aas wieder losgeworden war, steckte er die Hände tief in seine Jackentasche. Angestrengt lauschte er er auf die Geräusche der Umgebung und suchte nach verdächtigen Schatten. Verdammt! Konnte Pete keinen anderen Treffpunkt finden, als diese finstere Ecke hier? Frank war mit Sicherheit nicht nachtblind, aber um sich hier halbwegs zurechtzufinden und sicher zu fühlen, müsste man entweder ein Nachtsichtgerät haben oder die Sinne einer Fledermaus.«

Wieder ein längerer Text. Aber der Leser erfährt nicht nur wie die Zigarette schmeckt und das es verflucht dunkel ist, er lernt auch Frank etwas näher kennen und erfährt etwas über die Umstände, die ihn hierher brachten.

Und wenn man Metaphern und zeigenden Erzählstil kombiniert, kommt dann so etwas dabei heraus:

»Frank griff mit zitternden Fingern nach seiner Zigarettenschachtel. Sie war zerknitterter, als das Gesicht eines Greises. Endlich hatte er einen Glimmstengel rausgefischt und sich zwischen die Lippen gesteckt. Ein Schnippen, ein tiefer Zug und Frank verzog angewidert das Gesicht. Die Zigarette schmeckte nach alter Matratzenfüllung. Oder verbranntem Aas vielleicht? Egal. Er versuchte gleichzeitig zu spucken und den ekelhaften Geschmack auf seiner Zunge an der Oberlippe abzureiben, während die Zigarette in die Dunkelheit flog. Nachdem Frank den Geschmack von verbranntem Aas wieder losgeworden war, steckte er die Hände tief in seine Jackentasche. Angestrengt lauschte er er auf die Geräusche der Umgebung und suchte nach verdächtigen Schatten. Verdammt! Konnte Pete keinen anderen Treffpunkt finden, als diese finstere Ecke am Hafen? Frank war mit Sicherheit nicht nachtblind, aber um sich hier halbwegs zurechtzufinden und sicher zu fühlen, müsste man entweder ein Nachtsichtgerät haben oder die Sinne einer Fledermaus.«

Lektion 11
Lesen ist Kopfkino ohne Bilder auf einer Leinwand oder einem Monitor. Aktives Schreiben (siehe 10) und zeigendes Schreiben mit eingestreuten Metaphern, hilft dem Leser die Geschichte aktiver zu erleben, weil er sich beim Lesen Bilder vorstellen kann, die er vor seinem geistigem Auge sieht. Wer als Autor alles passiv geschehen lässt, einfach nur Behauptungen aufstellt und keine Bilder im Kopf des Lesers malt, wird die Leser nicht dazu bringen, weiterzulesen.
Da kann die Idee zu der Geschichte noch so gut sein.
Sie ist tot, weil sie nicht mehr zuckt.

Im nächsten Teil geht es dann um den eben angesprochenen Sprachrhythmus und um Geschwindigkeit.
Letztere ist nämlich keine Hexerei.

D.J.Franzen

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Eine Antwort zu Über das Schreiben 4. Teil (Handwerk)

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