Über das Schreiben 5. Teil (Handwerk)

12. Melodie und Rhythmus

Ich glaube, es war Stephen King der sich irgendwo mal darüber beklagte, dass er in Interviews immer wieder gefragt würde, woher er seine Ideen nehmen würde, aber niemals nach seiner Sprache. Das finde ich in der Tat merkwürdig, denn die Sprache ist der Rohstoff des Autoren, aus dem die Leserträume gemacht werden sollen. In diesem kleinen »Ratgeber« tänzele ich auch ich persönlich immer wieder um diesen Punkt herum, wie eine holde Maid um den mittelalterlichen Maibaum.
Warum?
Weil Sprache ein flutschiges kleines Ding ist, dass einem gerne mal entgleitet. Wortschatz, Gebrauch von Adjektiven, Rechtschreibung und Grammatik, bildhaftes Schreiben und Metaphern … alles nur einzelne Aspekte des großen Codes, der das Leben der gesamten Menschheit veränderte. Ohne Sprache gibt es keine Möglichkeit zur Imagination, weil es keine Wege gibt, seine Gedanken einem anderen Menschen adäquat mitzuteilen. Aber zu den bereits genannten Punkten kommt noch ein ganz wichtiger, den ich bisher in allen (ernsthaft verfassten und kommerziell vertriebenen) Schreibratgebern schmerzlich vermisse:
Melodie und Rhythmus.

Ich höre jetzt schon die ersten Stimmen aus dem Off, die da sagen: »Ja ne, is klar Franzen. Heute mal wieder was von deinen Topfpflanzen geraucht?«
Nun, dann möchte ich diejenigen bitten, mal im Internet nach einer Aufnahme des folgenden Lieds zu suchen:
Uriah Heep, Lady in Black.
Und?
Gefunden und angehört?
Klingt gut, oder?
Tja, der Song ist auch in meinen Ohren wirklich gut. Aber er ist auch monoton. Braucht nur zwei läppische Griffe, das Ding. A-Dur und D-Moll (oder auch umgekehrt, ist schon eine Weile her, dass ich eine Klampfe in den Fingern hatte) Den kann jeder Anfänger nach der ersten Unterrichtsstunde. Sogar der Gesang beschränkt sich auf zwei Tonlagen. Jetzt stellen Sie sich mal einen Roman vor, der auf diesen beiden Ebenen bleibt.
Auf und ab, auf und ab … bitte schnarchen Sie leise.
Worauf will ich also hinaus?
Es gibt beim unterhaltsamen Schreiben eine Ebene der Spannung, die nicht das Geringste mit der Idee, der Handlung oder den Figuren zu tun hat. Es ist die Ebene der Erzählstimme. Die beiden Griffe des Songs von Uriah Heep sind im Vergleich der Wortschatz eines Autors. Es gibt Autoren, die schreiben mit dem Wortschatz eines Viertklässlers und stürmen damit die Charts.
Lady in Black eben.
Und es gibt Autoren, die haben einen derartig gewaltigen Wortschatz, dass man damit eine Enzyklopädie füllen könnte.
Nehmen wir hier als musikalisches Beispiel »Bohemian Rhapsody« von Queen.
Tempowechsel, überraschende Klangeffekte, a Capella Gesang, dröhnende Gitarren, sanftes Klavier … alles in einem Song vereint. Eine Oper in etwa 11 Minuten Spielzeit, je nach Version.
Episch.
Beiden Autorentypen, dem Minimalisten mit dem Wortschatz eines Viertklässlers ebenso, wie dem Genie mit dem Wortschatz einer Enzyklopädie, ist aber eines gemein:
Sie haben ein Gefühl für den Rhythmus und die Melodie von Sprache. Lange Worte lösen kurze und knappe ab, ebenso lange Bandwurmsätze oder knappe Einzeiler. Auf der nächsten Ebene sind es dann die Absätze und die Kapitel, die aus einem guten Buch, egal mit welchem Wortschatz verfasst, eine Art Konzeptalbum machen. Jeder Absatz, jedes Kapitel ein eigener Song, der wie ein Ohrwurm im Kopf des Lesers kleben bleibt.
Ganz am Anfang dieses kleinen Schreibratgebers habe ich gesagt, dass gutes Schreiben wie eine gelungene Verführung ist. Versuchen Sie mal jemanden in die Kiste zu bekommen, wenn sie so spannend und moduliert reden, als müssten Sie ein Telefonbuch in Kantonesisch vor einem Klassenzimmer voller Prüfer vortragen.
Dat wird nix!
(Sehen Sie was ich meine? Ein langer Satz als Einleitung, mit einer Metapher garniert und dann Zack! Ein knapper Einzeiler als Pointe.)
Wer also wirklich unterhaltsam schreiben möchte, sollte nicht nur viel lesen, er sollte sich auch viel Musik anhören oder Filme anschauen. Schnelle Passagen / Schnitte wechseln sich mit ruhigeren ab, Zeitlupen, Schwenks etc. pp.
Und so sollte unterhaltsames Schreiben auch aussehen.
Fragen Sie sich immer, wie sie ihre Leser und Leserinnen an den Haaren packen können. Sie müssen sie zwingen die Haltestelle zu verpassen, die Sitzungen auf dem stillen Örtchen in die Länge zu ziehen und ihre jeweiligen Partner mit den Worten »Nur noch diese eine Seite« abzuweisen. Überlegen Sie sich, ob sie die Geschichte die sie schreiben möchten lieber als Lady in Black oder als Bohemian Rhapsody erzählen möchten.
Sprachmelodie und -rhythmus sind dafür ihre Werkzeuge.
Singen Sie ihre Leser und Leserinnen in eine Trance, in der die dann wie die hypnotisierten Kaninchen durch ihr Wunderland gehen.
Dafür gibt es kein Rezept, keine Gleichung keine Bauanleitung. Das kann Ihnen niemand beibringen. Man muss einfach schreiben, lesen, zuhören und nochmal schreiben.
Sagte ich schon, dass unterhaltsames Schreiben eine verflucht zeitintensive Arbeit ist? 😉

Lektion 12
Endlos lange Sätze sind für einen Text ebenso tödlich, wie 300 Seiten Telegrammstil. Der Rhythmus und die Melodie der Sprache müssen den Leser einlullen.
Entwickeln Sie ein Gefühl dafür, wie Sie ganz persönlich mit Worten, Sätzen, Absätzen und Kapiteln ihr ganz persönliches Konzeptalbum, ihren Rocksong, ihre Melodie komponieren. Das ist bei jedem Autor anders und kann nur durch viel Übung und Zuhören erarbeitet werden. Niemand mag monotones Labern ohne Betonung.

Ich wünsche allen Besuchern meines Blogs ein tolles Wochenende und … hören Sie mal wieder bewusst ein gutes Lied. Achten sie auf den Rhythmus, die Melodie und das Zusammenspiel der verschiedenen Instrumente. Sie werden erstaunt sein, wie gut sich gerade die ganz alten Dinger, die noch ohne monotone Computertechnik aufgenommen wurden, in ihre Ohren gehen.

D.J.Franzen

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