Über das Schreiben 6.Teil (Handwerk)

13. Figuren und Klischees

Im vorherigen Text bin ich ja bereits einige Male auf den Wortschatz eines Autors eingegangen, auf ehrliche Dialoge und in der letzten Folge habe ich dann Sprachmelodie und Rhythmus angesprochen.
Nun, im Grunde sind dies alles zusammengehörige Aspekte ein und der derselben Disziplin:
Dem spannenden Erzählen einer Geschichte.
Das kann infantil / humorvoll geschehen (siehe meine Furzlogik) oder eher trocken und nüchtern. Aber egal wie eine Geschichte erzählt wird, gleichgültig wie gut die Grundidee oder der Plot ausgearbeitet oder auch an den Haaren herbeigezogen sein mögen, jede Geschichte steht und fällt mit ihren Figuren.
In einer guten Geschichte muss es menscheln.
»Talking Heads« waren eine interessante Band, aber in einem Buch möchte ich als Leser gerne Menschen »sehen« und hören.

Wie erschafft man also gute Figuren?
Ganz ehrlich?
Ich habe keine Ahnung.
Bei mir ist das eine reine Sache des Bauchgefühls und der ständigen Beobachtung und Teilhabe am realen Leben. Ich kannte zum Beispiel mal zwei Bodybuilder, die waren auf den ersten Blick, dem ersten Kennenlernen, derartig klischeehaft, dass ich es nicht glauben wollte und mir die Kinnlade auf Hüfthöhe gefallen ist. Ebenso kannte ich schon so manch andere Personen, die mir auf den ersten Blick wie billige Klischees erschienen, fleischgewordene Satiren, lebende Strichzeichnungen von der Tiefe und Resonanz einer leeren Patronenhülse Kaliber .22 und wo ich mich ernsthaft fragte, wie ich diese Stelle im Drehbuch meines Lebens, an der ich auf diese Personen treffe, bloß überlesen konnte.
Erst später, als ich diese Menschen näher kannte, mit ihnen Zeit verbracht und sie besser kennengelernt hatte, erkannte ich, dass auch ich nach einem flüchtigen Blick nichts anderes als ein Klischee bin.
(Warum ich ein Klischee bin und wie ich dieses Bild entkräften könnte, werde ich hier nicht kund tun. Verdammt, das soll schließlich so etwas wie ein Schreibratgeber werden, keine Therapiesitzung bei Dr.Melfi*)
Und da kommt die Krux des Autors.
Die Kritiker, die ständig nach der Neuerfindung des Rads verlangen, die allenthalben ausgelutschte Bilder wittern, die in jeder Figur mit dicken Muskeln oder zerknittertem Trenchcoat einen Schwarzenegger oder einen Columbo sehen und in jeder blonden Krankenschwester mit weißem Kittel und kleinen, festen Brüsten sofort einen chauvinistischen Hintergrund zu erkennen glauben.
Da kann man nichts gegen machen.
Ist eben so.
Ein flüchtiger Blick auf die ersten Zeilen einer Geschichte und diese Kritiker zerreißen das Leben dieser Figuren (und nebenbei auch das Können des Autors) mit einem Satz in der Luft.
Damit muss man leben, wenn man Unterhaltungsliteratur schreiben will. Denn gegen vorgefasste Meinungen und oberflächliche Blicke, bei denen wie im pawlow`schen Reflex nur auf Reizworte reagiert wird, sind wir auch im realen Leben nicht gefeit.
Aber was kann man machen, um nicht in diese Falle zu tappen? Um zu versuchen die Leserinnen und Leser, die sich Zeit nehmen und einen Text intensiv lesen und erleben, mitzunehmen?
Das kann ich mit einem Satz beantworten:
Die Menschen im näheren Umfeld beobachten, offen auf sie zugehen, sie wirklich kennenlernen und dadurch herausfinden, wie sie so geworden sind und was ihre Motivation ist.
Die beiden Bodybuilder, die ich eben erwähnte, waren als Kinder Außenseiter. Der eine hatte eine Gaumenspalte (Hasenscharte), der andere war ein schlimmer Stotterer hatte aber einen IQ der fast an Stephen Hawking erinnerte.
Beide hatten Unterarme so dick, wie meine Oberschenkel.
Wo die beiden standen, da verdunkelten sie die Sonne.
Auch einzeln.
Beide waren schweigsam.
Beide wirkten auf den ersten Blick, als würde sie sich nur im »Ich Tarzan, du Jane«-Stil verständigen können.
Aber als ich sie näher kennenlernte, fand ich in beiden eine Tiefe, einen Humor und ganz allgemein zwei Menschen, mit denen man Pferde stehlen, die Welt aus den Angeln heben und nächtelang auf hohem Niveau über Gott und die Welt diskutieren konnte.
Warum haben die beiden dann angefangen ihre Körper zu trainieren?
Richtig, um eine Maske auszubauen, um Teil von Etwas zu werden, um den Status als Außenseiter abzulegen.
Der grantelige Chef, der sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit als Zitronenfalter betätigt und seine Untergebenen zusammenscheißt … hatte der wirklich keinen Sonntagssex nach dem Tatort? Ist der wirklich einfach nur ein machtbesessener Hirnspacken mit Ledersessel unter`m Hintern? Oder mag es daran liegen, dass er einfach zu viel Verantwortung trägt, nie gelernt hat zu delegieren, daheim ein schwerkrankes Familienmitglied hat oder einfach nur mit dem Leben, das er führt, unzufrieden ist?
Okay, im realen Leben juckt mich das auch nicht.
Der cholerische Chef ist eben ein Hirnspacken und fertig.
Aber als Leser will ich wissen, wie diese Figur so geworden ist. Ist sie nur ein Statist, ist das Klischee gerade noch okay.
Ist er aber eine Neben- oder sogar eine Hauptfigur, will ich schon etwas mehr wissen.
Lesen ist Voyeurismus, ist wie das heimliche Gucken durch das Loch in der Wand in die Mädchenumkleide des Schulschwimmbads, der Blick nach oben, wenn eine junge Frau auf der Rolltreppe einen Minirock der Marke »Geht noch als Gürtel durch« trägt, Lesen ist wie das Beobachten eines dramatischen Ereignisses in Zeitlupe und mit Replay.
Lesen ist wie das echte Leben, nur langsamer.
Und dadurch intensiver.
Beim Lesen können wir zurückblättern, durch die Dichte des Textes besser Zusammenhänge erkennen und das Tempo des Lebens, das zwischen den beiden Buchdeckeln herrscht, zumindest ein wenig drosseln.

Gute Figuren mögen also auf den ersten Blick wie ein Klischee wirken.
Aber auf den zweiten offenbaren sie Tiefe.
Und hier muss man als Autor ansetzen.
Bei seinen Figuren.

Lektion 13
Ein Buch ist nicht wie ein Spaziergang über die Flaniermeile, wo uns die Gesichter wie bleiche Ballons entgegen schweben und andere Menschen eher Hindernisse, Ärgernisse und Klischees sind, die wir nach einem Blick in eine Schublade stecken. In einem Buch haben wir als Leser die Möglichkeit Menschen kennenzulernen.
Mit Ruhe.
Und die Aufgabe des Autors liegt darin, diese Menschen auch mit Tiefe zu zeichnen.
Und das kann nur der, der sich auch im realen Leben mit seinen Mitmenschen auseinandersetzt, statt sie nach einem flüchtigen Blick in eine Schublade zu stecken.

*Figur aus der TV-Serie »Die Sopranos«

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