Über das Schreiben 7.Teil (Handwerk)

14. Die Länge …

… eines Textes ist vollkommen egal.
Oder wie die Hafendirne zum Seemann sagte:
»Schätzchen, mir ist es egal, was du in der Hose hast. Hauptsache du kannst damit auch was anfangen.«
Und das ist einer der größten Fehler der Anfängern, aber oftmals auch gestandenen Autoren unterläuft.
Einen Text zu kurz oder zu lang verfassen.
Zählt das noch zum Handwerk?
Ich finde schon, denn ein unterhaltender Text sollte immer so lang werden, wie es die Idee hergibt und / oder der Autor etwas zu diesem Thema bzw. dieser Idee zu sagen hat (oder zumindest glaubt, dass er was dazu zu sagen hat. Bestes Beispiel: Dieser selbsternannte »Schreibratgeber«)

Wie findet man denn die richtige Länge eines Textes heraus?
Einerseits sage ich, dass man das nicht herausfinden kann, sondern dass einem der Text und die Idee das schon selber verraten. Andererseits bin ich aber auch der Meinung, dass hierbei das schon erwähnte Notizbuch (haben Sie schon eines auf der Toilette griffbereit?) und vor allem die eigene Schreib- und Leseerfahrung ungemein helfen.
Und siehe da, wieder einmal kommt das lange vergessen geglaubte Mantra: »Schreiben ist zeit- und arbeitsintensiv!« zum Tragen. Und ja, ich habe hier noch Anmeldebögen für den Batik-Kurs der VHS für all diejenigen liegen, die einfach keine Zeit zum Lesen finden, aber auf Teufel komm raus schreiben wollen.
Mein Rat an alle Lesefaulen daher: Vergesst es! Hier ist mal ein Link, was es mit der so oft erwähnten Batik auf sich hat.
http://de.wikipedia.org/wiki/Batik
Alternativ kann ich auch noch Wasserballett für Nichtschwimmer anbieten.
Wer nicht bereit ist viel zu lesen, wird nie erkennen wie lange eine Idee einen Text tragen kann.

Als ich meine ersten Gehversuche beim Schreiben machte, trieb ich meinen Deutschlehrern den Angstschweiß auf die Stirn, sobald mal wieder ein Aufsatz angesagt war.
Ich und mich kurz fassen?
Vergisses!
Dann bekam ich im zarten Alter von 12 den Herrn der Ringe von meiner Oma und meiner Tante zu Weihnachten geschenkt.
Ich habe das Buch geliebt (tue ich heute noch) und bis etwa Neujahr vollkommen verschlungen.
Dann habe ich geweint (Tue ich heute nicht mehr, ich alter Macho)
Ich musste von Frodo und Bilbo, von Sam und Gandalf an den Grauen Anfurten Abschied nehmen.
Drei dicke Bücher voller Abenteuer und Freundschaft, voller Epik und edlen Schlachten Gut gegen Böse … verdammt, das konnte doch nicht einfach so enden!
Also griff ich mir einen Collegeblock meiner Mutter (A4, kariert und für ihre Strickmuster vorgesehen) und schrieb die erste, einzige – und glücklicherweise inzwischen verschollene – inoffizielle Fortsetzung zum Herrn der Ringe.
Der Herr der Ringe Teil IV.
Frodos Rückkehr.
80 Seiten in enger, kindlicher Handschrift.
(Exkurs: Und jetzt zählen Sie bitte mal die Adjektive, in diesen paar Sätzen und überlegen Sie bitte, wie die hier wirken und warum ich die so geballt da hingeschrieben habe.
Kinder neigen zu Übertreibungen. Für sie muss alles »Superduber« und »Peng« sein. Ich war damals ein Kind. Deshalb wollte ich dieses Gefühl vermitteln und nutzte einen ganzen Sack voller Adjektive
😉 )
Über die eher marginale Begeisterung meiner Mutter ob meiner Schreibkünste, und über meine ersten Tantiemen, die mir meine Oma dafür auszahlte, möchte ich jetzt nicht reden.
Nein, es geht mir um eine Erkenntnis die ich damals gewann.
Schreiben ist Arbeit.
Harte Arbeit.
Und je länger und aufgeblähter ein Text wird, um so mehr Zeit und Arbeit muss man da reinstecken und um so näher kommt man an eine ausgewachsene Sehnenscheidenentzündung.
Aber wird der Text dadurch, dass man ihn bis kurz vor der Explosion aufbläht, besser?
Nö.
Versuchen Sie mal einen Blondinenwitz vom einem knappen Zweizeiler zu einem epischen Gedicht in shakespear`scher Dichtkunst zu machen.
Viel Erfolg und halten Sie bitte ihr Handy bereit, damit sie den Notruf wählen können, sobald die ersten ihrer Zuhörer ins Koma gefallen sind.
Als Gegenversuch kürzen Sie mal »Hamlet« von Shakespeare zum Zweizeiler ein und versuchen Sie den dann an den Mann zu bringen.
Beides geht nicht.
Der Blondinenwitz lebt von seiner Kürze und Hamlet lebt von seiner Epik, der Tiefe der Figuren und der Dialoge.
Man kann alles kürzen (selbst dieser »Schreibratgeber« ließe sich problemlos auf zwei DIN A4 Seiten eindampfen) oder unnötig aufblähen (Ja, diese Blog-Serie ist aufgebläht. Mea culpa dafür, aber irgendwie muss ich meinen Blog ja mit Leben füllen)
Entweder geben die Idee oder die Figuren einen langen Text her, oder man belässt es lieber bei einem Kurzen, der dafür auch ordentlich zündet.

»Was tun?«, sprach Zeus und kratzte sich ratlos unter der Tunika.
»Erst denken, dann schreiben«, antwortete der Franzen und grinste dem Gott der Blitze frech ins Antlitz.
Bevor ich mich an eine Story setze, betrachte ich die Idee dahinter sehr genau, lasse sie durch meinen Kopf rocken und rollen, lasse sie aufgehen, wie einen guten Hefeteig.
Gibt es eine konkrete Aufgabestellung, wie zum Beispiel einen Text für eine Anthologie mit einer festen Zeichenanzahl pro Beitrag, ist die Sache relativ einfach.
Ich durchforste meine Notizbücher nach knackigen Ideen für die gewünschte Länge.
Ich kann den notwendigen Platz für eine Idee rechtzeitig erkennen.
Denn ich lese viel.
Sie auch?
Geht es um ein freies Projekt, nehme ich die Idee und die Figuren, die mir vielleicht schon durch den Kopf spuken, und frage mich, was da alles passieren könnte, was mir die Figuren selber zu den geplanten Ereignissen alles sagen könnten. Diese Erkenntnisse und meine Erfahrung als Leser liefern mir Schätzwerte über die machbare Länge des Textes. Dazu kommt meine Tagesform oder auch Temperament.
Will ich die Leser mit einem kurzen Witz lachen (oder gruseln) machen?
Oder will ich sie auf eine Reise zum Schicksalsberg mitnehmen?
Sobald ich dieses Ziel erkannt habe, mache ich mir Notizen. Einen ganzen Haufen Notizen!
Haarfarben, Kleidung, Ereignisse, Stationen, Fotos, Eigenarten der Figuren, Sprechweisen, Dialoge …
Schreiben ist zeit- und arbeitsintensiv.
Und egal ob der Text später ein kurzer Zweizeiler werden soll oder eine epische Familiensaga in achtzehn Bänden zu 1800 Seiten, müssen für jede einzelne Minute Lesevergnügen geschätzte zehn Stunden Arbeit investiert werden.
Ist man dazu bereit, diese Zeit in den Text zu investieren, ist das Erkennen der richtigen Länge eines Textes etwas so selbstverständliches, wie das Atmen oder das Abschätzen der Entfernung zur nächasten roren Ampel, wenn man mit dem Auto darauf zu fährt.
Für alle anderen, die keine Zeit und Arbeit investieren wollen, um diese Erfahrungen zu sammeln:
Der Kurs »Wasserballett für Nichtschwimmer« fällt heute ins Wasser. Alternativ können sie aber gerne den Kurs »Batik für Fortgeschrittene« besuchen.
Bitte melden Sie sich im Sekretariat.
Badekappen sind nicht erwünscht.

Lektion 14
Die Länge eines Textes sollte man nie künstlich bestimmen oder festlegen. Die Idee dahinter sollte diese Vorgabe machen.
Und dabei helfen einzig Leseerfahrung und harte Arbeit am eigenen Text.

Damit habe ich zum Handwerk des Schreibens alles gesagt, was ich darüber zu wissen glaube. Es gibt noch ein paar Dinge, die ich gerne loswerden möchte. Das sind eher so allgemeine Sachen und vor allem viele Klischees und Vorurteile, die im Bezug auf das Schreiben und die Menschen dahinter vorherrschen. Manches davon könnte man vielleicht noch zum Handwerk zählen. Aber je mehr ich darüber nachdenke finde ich, das es doch eher allgemeine Punkte sind, oder Erfahrungen, die mit dem eigentlichen Handwerk des Schreiben eher nebenbei zu tun haben, denn Schreibhandwerk ist meines Erachtens nach in erster Linie Buchstaben zu Worten zusammenzusetzen.
Und Worte zu Sätzen.
Und Sätze zu Absätzen.
Und Absätze zu einer Geschichte.
Und alles das beginnt mit dem Lesen der Geschichte eines anderen Menschen.
Und dem dringenden Gefühl, die liebgewonnenen Freunde einer solchen Geschichte wiederzusehen.
Freunden, von denen man tränenreich Abschied nehmen musste, als ein wundervolles Buch endete.

D.J.Franzen

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