Ein Lebenszeichen

Beinahe zwei Jahre habe ich diesen Blog und das Schreiben ruhen lassen.
Ich habe mich aus FB und Foren zurückgezogen, mich um andere Dinge und Hobbys gekümmert, die meine ganze Aufmerksamkeit erforderten. Es war eine gute Zeit. Aber jetzt bin ich neugierig, ob die alten Werkzeuge noch arbeiten und rostfrei geblieben sind.
Also werde ich eine Kurzgeschichte zu einem Projekt schreiben, zu dem ich eingeladen wurde.
Mal sehen ob ich es noch kann 😉

Hier der Einstieg in die Kurzgeschichte, an der ich zur Zeit arbeite.

»Der lange Weg«

Joseph Müller hockte mit um die Knöchel gewickelter Hose am Straßenrand und harrte der Dinge, die da hoffentlich bald kamen. Seine grau-weißen Haare hingen ihm wirr ins faltige Gesicht. Ein paar träge Insekten schwirrten um seine dürre Gestalt herum – ein paar ganz Mutige wagten sich sogar in die Nähe seiner faltigen Altmännerritze – doch er fixierte unbeeindruckt und in höchster Konzentration einen kleinen Stein, der etwa einen Meter vor ihm auf dem Boden lag. Die Sonne brannte auf das ausgedörrte Land, dass unter dem achten Jahr der großen Dürre in brütendem Schweigen lag. Die Wirtschaft war inzwischen wegen der weltweiten Wasserknappheit zusammengebrochen, die Menschheit kochte in ihrem eigenen Saft und überall tobten Kriege um das letzte Trinkwasser. Aber das einzige, dass Joseph wirklich und schmerzhaft vermisste, war ein ordentlicher, morgendlicher Stuhlgang.
Nun gut, feuchtes Klopapier vielleicht auch noch.
Ein Mann musste eben Prioritäten setzen.
Als ein müder Furz aus seinem Hintern kroch, nicht lauter als ein feuchter Ladykracher, seufzte er und entspannte sich. Noch nicht einmal ein kleines Käckerchen war ihm geblieben. Nur ein müder Hauch von einem lauen Lüftchen, das nicht das geringste Aroma mit sich brachte. Die Welt ging wahrhaft vor die Hunde, wenn ihm sogar seine Morgentoilette verwehrt blieb.
Er stand auf, zog die Hose hoch und seine Hosenträger über die Schultern. Ächzend ging er zu seinem Wagen, wo sein Hund auf ihn wartete.

***

Der Hund – den er mangels eines anderen Namens, auf den das Tier hören wollte, einfach nur Hund nannte – war Joseph zugelaufen, als die Lage in den Städten immer unhaltbarer wurde. Er hatte ihn bei sich aufgenommen, da er den Kleinen nicht sich selbst überlassen wollte. Kurz darauf kam der Tag, an dem sich für Joseph endgültig alles verändert und er beschlossen hatte, sich seinen letzten großen Traum zu erfüllen.
In seinem Alter gab man sich keinen großen Hoffnungen mehr hin, die Träume wurden weniger und verblassten im Nebel der Erinnerungen, während die Liste der unerledigten Dinge merklich schrumpfte und die Uhr unerbittlich in Richtung Schlag zwölf tickte. Er hatte ein Haus gebaut, seine Frau – und eine ganze Reihe anderer – geliebt, er hatte zwei Kinder – von denen er mit Sicherheit wusste – in die Welt gesetzt und einen Baum gepflanzt. Er hatte getanzt und gearbeitet, Geld verdient und brav gespart, war seiner verstorbenen Frau ein hoffentlich guter Ehemann gewesen und hatte ganz allgemein alles getan, um ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu sein, die sich gerade in den letzten Zügen der Zivilisation gegenseitig an die Kehle ging. Sollte die Menschheit doch vor die Hunde gehen, ihm egal. Sein Haus stand vermutlich noch. Aber ob es den alten Kirschbaum noch gab, den er im Garten gepflanzt hatte, wagte er zu bezweifeln. Und seine Kinder … mochte der große alte Mann da oben wissen wo die waren.
Es gab also nichts mehr zu erledigen, für niemanden mehr Verantwortung zu tragen oder irgendwelche Hoffnungen zu hegen. Aber diesen einen großen Traum, den er schon gehegt hatte, als er noch ein Kind war, den wollte er sich noch erfüllen, koste es was es wolle! So lange würde er noch durchhalten und danach konnte ihn die ganze Welt mal kreuzweise.
Also hatte er das Notwendigste in seinen Kombi eingepackt und war losgefahren. Durch kleine Städte und Dörfer voller dahinsiechender Menschen, die wie menschliches Dörrobst ihr Dasein fristeten, und in weiten Bögen um größere Städte herum, in denen marodierende Horden die letzten Reste der Regierungsgewalt in Atem hielten. Immer nur dem staubig-grauen Band der Straße hinterher, die ihn bis zum Horizont und darüber hinaus führte, dem Ruf seines letzten großen Traums folgend.

***

Drei Stunden später kam der Schmerz.
Er fraß sich mit der plötzlichen Heftigkeit eines Blitzes durch seine Eingeweide. Joseph umklammerte stöhnend das Lenkrad, während er seinen Wagen langsam abbremste. Als der Wagen stand ließ er seinen Kopf gegen das Lenkrad sinken. Hund schnüffelte an seinem Ohr und leckte ihn zaghaft an der Wange. Ein kleiner Trost in einer trostlosen Welt.
Nach einigen Minuten ließ der Schmerz soweit nach, dass Joseph sich wieder aufsetzen konnte. Er schaltete den Motor ab und atmete in tiefen Zügen ein und aus. Hund beobachtete ihn, während er sich ächzend aus dem Wagen quälte und zum Kofferraum des Kombis ging. Er öffnete ihn und zog eine verschlissene Arzttasche hervor. Nach kurzem Suchen fand er das Röhrchen mit den Tabletten, die ihm den Schmerz nehmen würden. Zumindest für eine Weile.
Als er seinen Becher mit einem kleinen Schluck Wasser aus seinen Vorräten füllte, dachte er auch an Hund und füllte eine kleine Schüssel mit dem kostbaren Nass. Joseph warf sich die Tablette in den Mund und spülte sie runter. Dann sah er zu Hund, der genüsslich das Wasser schlabberte.
»Trink langsam. Du bekommst sonst Bauchweh.« Seine Stimme kam ihm selber ganz fremdartig vor, als er trocken auflachte. »Und außerdem furzt du dann wieder und machst mich neidisch, dass du noch so solche strammen Töne rausbekommst.«
Hund sah auf. Wasser tropfte von seinen Lefzen. Und als hätte er Joseph verstanden, trank er danach etwas langsamer. Zumindest hatte Joseph das Gefühl, dass es so sei. Es dauerte ein paar Minuten bis die Medizin wirkte und der Schmerz nachließ. Ja, die Medizin nahm ihm den Schmerz. Aber sie verhinderte zusammen mit der kargen Ernährung die ihm nur noch zur Verfügung stand, einen ordentlichen Stuhlgang. Die Medizin und der …
Etwas knackte in den Büschen, deren ausgedörrte Äste einen dichten Filz am Straßenrand bildeten, und Hund fuhr knurrend herum. Joseph blinzelte gegen das grelle Licht der Sonne, versuchte etwas zu erkennen und tastete mit einer Hand nach seiner zweiten Waffe, die er im Kofferraum versteckt hatte. Dann sah er den Schatten. Einen kleinen Schatten. Es war ein Junge, vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahre alt. Zu jung für eine ordentliche Rasur, zu alt, um noch als Kind durchzugehen. Als seine dürre Gestalt endlich durch die Büsche gebrochen war, sah der Junge erschrocken auf. Ehe Joseph etwas sagen konnte brach der Junge in die Knie. Für einen Moment sahen sich der alte Mann und der Junge in die Augen. Dann schüttelte ein Krampf den Jungen durch. Er verdrehte die Augen und fiel wie ein nasser Sack zu Boden.

Nicht viel, bisher, aber ein Anfang, oder nicht?

Mal schauen, wohin mich das führen wird.

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Eine Antwort zu Ein Lebenszeichen

  1. Marc schreibt:

    Hallo D.J.,

    schön mal wieder was von dir zu hören. Ich hoffe es geht dir gut und man hört und liest jetzt wieder öfters von dir.
    Deine kurze Geschichte hat mir gut gefallen und ich bin natürlich wieder gespannt, wie es weiter gehen wird.

    Beste Grüße,

    Marc

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