Über das Schreiben 6.Teil (Handwerk)

13. Figuren und Klischees

Im vorherigen Text bin ich ja bereits einige Male auf den Wortschatz eines Autors eingegangen, auf ehrliche Dialoge und in der letzten Folge habe ich dann Sprachmelodie und Rhythmus angesprochen.
Nun, im Grunde sind dies alles zusammengehörige Aspekte ein und der derselben Disziplin:
Dem spannenden Erzählen einer Geschichte.
Das kann infantil / humorvoll geschehen (siehe meine Furzlogik) oder eher trocken und nüchtern. Aber egal wie eine Geschichte erzählt wird, gleichgültig wie gut die Grundidee oder der Plot ausgearbeitet oder auch an den Haaren herbeigezogen sein mögen, jede Geschichte steht und fällt mit ihren Figuren.
In einer guten Geschichte muss es menscheln.
»Talking Heads« waren eine interessante Band, aber in einem Buch möchte ich als Leser gerne Menschen »sehen« und hören.

Wie erschafft man also gute Figuren?
Ganz ehrlich?
Ich habe keine Ahnung.
Bei mir ist das eine reine Sache des Bauchgefühls und der ständigen Beobachtung und Teilhabe am realen Leben. Ich kannte zum Beispiel mal zwei Bodybuilder, die waren auf den ersten Blick, dem ersten Kennenlernen, derartig klischeehaft, dass ich es nicht glauben wollte und mir die Kinnlade auf Hüfthöhe gefallen ist. Ebenso kannte ich schon so manch andere Personen, die mir auf den ersten Blick wie billige Klischees erschienen, fleischgewordene Satiren, lebende Strichzeichnungen von der Tiefe und Resonanz einer leeren Patronenhülse Kaliber .22 und wo ich mich ernsthaft fragte, wie ich diese Stelle im Drehbuch meines Lebens, an der ich auf diese Personen treffe, bloß überlesen konnte.
Erst später, als ich diese Menschen näher kannte, mit ihnen Zeit verbracht und sie besser kennengelernt hatte, erkannte ich, dass auch ich nach einem flüchtigen Blick nichts anderes als ein Klischee bin.
(Warum ich ein Klischee bin und wie ich dieses Bild entkräften könnte, werde ich hier nicht kund tun. Verdammt, das soll schließlich so etwas wie ein Schreibratgeber werden, keine Therapiesitzung bei Dr.Melfi*)
Und da kommt die Krux des Autors.
Die Kritiker, die ständig nach der Neuerfindung des Rads verlangen, die allenthalben ausgelutschte Bilder wittern, die in jeder Figur mit dicken Muskeln oder zerknittertem Trenchcoat einen Schwarzenegger oder einen Columbo sehen und in jeder blonden Krankenschwester mit weißem Kittel und kleinen, festen Brüsten sofort einen chauvinistischen Hintergrund zu erkennen glauben.
Da kann man nichts gegen machen.
Ist eben so.
Ein flüchtiger Blick auf die ersten Zeilen einer Geschichte und diese Kritiker zerreißen das Leben dieser Figuren (und nebenbei auch das Können des Autors) mit einem Satz in der Luft.
Damit muss man leben, wenn man Unterhaltungsliteratur schreiben will. Denn gegen vorgefasste Meinungen und oberflächliche Blicke, bei denen wie im pawlow`schen Reflex nur auf Reizworte reagiert wird, sind wir auch im realen Leben nicht gefeit.
Aber was kann man machen, um nicht in diese Falle zu tappen? Um zu versuchen die Leserinnen und Leser, die sich Zeit nehmen und einen Text intensiv lesen und erleben, mitzunehmen?
Das kann ich mit einem Satz beantworten:
Die Menschen im näheren Umfeld beobachten, offen auf sie zugehen, sie wirklich kennenlernen und dadurch herausfinden, wie sie so geworden sind und was ihre Motivation ist.
Die beiden Bodybuilder, die ich eben erwähnte, waren als Kinder Außenseiter. Der eine hatte eine Gaumenspalte (Hasenscharte), der andere war ein schlimmer Stotterer hatte aber einen IQ der fast an Stephen Hawking erinnerte.
Beide hatten Unterarme so dick, wie meine Oberschenkel.
Wo die beiden standen, da verdunkelten sie die Sonne.
Auch einzeln.
Beide waren schweigsam.
Beide wirkten auf den ersten Blick, als würde sie sich nur im »Ich Tarzan, du Jane«-Stil verständigen können.
Aber als ich sie näher kennenlernte, fand ich in beiden eine Tiefe, einen Humor und ganz allgemein zwei Menschen, mit denen man Pferde stehlen, die Welt aus den Angeln heben und nächtelang auf hohem Niveau über Gott und die Welt diskutieren konnte.
Warum haben die beiden dann angefangen ihre Körper zu trainieren?
Richtig, um eine Maske auszubauen, um Teil von Etwas zu werden, um den Status als Außenseiter abzulegen.
Der grantelige Chef, der sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit als Zitronenfalter betätigt und seine Untergebenen zusammenscheißt … hatte der wirklich keinen Sonntagssex nach dem Tatort? Ist der wirklich einfach nur ein machtbesessener Hirnspacken mit Ledersessel unter`m Hintern? Oder mag es daran liegen, dass er einfach zu viel Verantwortung trägt, nie gelernt hat zu delegieren, daheim ein schwerkrankes Familienmitglied hat oder einfach nur mit dem Leben, das er führt, unzufrieden ist?
Okay, im realen Leben juckt mich das auch nicht.
Der cholerische Chef ist eben ein Hirnspacken und fertig.
Aber als Leser will ich wissen, wie diese Figur so geworden ist. Ist sie nur ein Statist, ist das Klischee gerade noch okay.
Ist er aber eine Neben- oder sogar eine Hauptfigur, will ich schon etwas mehr wissen.
Lesen ist Voyeurismus, ist wie das heimliche Gucken durch das Loch in der Wand in die Mädchenumkleide des Schulschwimmbads, der Blick nach oben, wenn eine junge Frau auf der Rolltreppe einen Minirock der Marke »Geht noch als Gürtel durch« trägt, Lesen ist wie das Beobachten eines dramatischen Ereignisses in Zeitlupe und mit Replay.
Lesen ist wie das echte Leben, nur langsamer.
Und dadurch intensiver.
Beim Lesen können wir zurückblättern, durch die Dichte des Textes besser Zusammenhänge erkennen und das Tempo des Lebens, das zwischen den beiden Buchdeckeln herrscht, zumindest ein wenig drosseln.

Gute Figuren mögen also auf den ersten Blick wie ein Klischee wirken.
Aber auf den zweiten offenbaren sie Tiefe.
Und hier muss man als Autor ansetzen.
Bei seinen Figuren.

Lektion 13
Ein Buch ist nicht wie ein Spaziergang über die Flaniermeile, wo uns die Gesichter wie bleiche Ballons entgegen schweben und andere Menschen eher Hindernisse, Ärgernisse und Klischees sind, die wir nach einem Blick in eine Schublade stecken. In einem Buch haben wir als Leser die Möglichkeit Menschen kennenzulernen.
Mit Ruhe.
Und die Aufgabe des Autors liegt darin, diese Menschen auch mit Tiefe zu zeichnen.
Und das kann nur der, der sich auch im realen Leben mit seinen Mitmenschen auseinandersetzt, statt sie nach einem flüchtigen Blick in eine Schublade zu stecken.

*Figur aus der TV-Serie »Die Sopranos«

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Über das Schreiben 5. Teil (Handwerk)

12. Melodie und Rhythmus

Ich glaube, es war Stephen King der sich irgendwo mal darüber beklagte, dass er in Interviews immer wieder gefragt würde, woher er seine Ideen nehmen würde, aber niemals nach seiner Sprache. Das finde ich in der Tat merkwürdig, denn die Sprache ist der Rohstoff des Autoren, aus dem die Leserträume gemacht werden sollen. In diesem kleinen »Ratgeber« tänzele ich auch ich persönlich immer wieder um diesen Punkt herum, wie eine holde Maid um den mittelalterlichen Maibaum.
Warum?
Weil Sprache ein flutschiges kleines Ding ist, dass einem gerne mal entgleitet. Wortschatz, Gebrauch von Adjektiven, Rechtschreibung und Grammatik, bildhaftes Schreiben und Metaphern … alles nur einzelne Aspekte des großen Codes, der das Leben der gesamten Menschheit veränderte. Ohne Sprache gibt es keine Möglichkeit zur Imagination, weil es keine Wege gibt, seine Gedanken einem anderen Menschen adäquat mitzuteilen. Aber zu den bereits genannten Punkten kommt noch ein ganz wichtiger, den ich bisher in allen (ernsthaft verfassten und kommerziell vertriebenen) Schreibratgebern schmerzlich vermisse:
Melodie und Rhythmus.

Ich höre jetzt schon die ersten Stimmen aus dem Off, die da sagen: »Ja ne, is klar Franzen. Heute mal wieder was von deinen Topfpflanzen geraucht?«
Nun, dann möchte ich diejenigen bitten, mal im Internet nach einer Aufnahme des folgenden Lieds zu suchen:
Uriah Heep, Lady in Black.
Und?
Gefunden und angehört?
Klingt gut, oder?
Tja, der Song ist auch in meinen Ohren wirklich gut. Aber er ist auch monoton. Braucht nur zwei läppische Griffe, das Ding. A-Dur und D-Moll (oder auch umgekehrt, ist schon eine Weile her, dass ich eine Klampfe in den Fingern hatte) Den kann jeder Anfänger nach der ersten Unterrichtsstunde. Sogar der Gesang beschränkt sich auf zwei Tonlagen. Jetzt stellen Sie sich mal einen Roman vor, der auf diesen beiden Ebenen bleibt.
Auf und ab, auf und ab … bitte schnarchen Sie leise.
Worauf will ich also hinaus?
Es gibt beim unterhaltsamen Schreiben eine Ebene der Spannung, die nicht das Geringste mit der Idee, der Handlung oder den Figuren zu tun hat. Es ist die Ebene der Erzählstimme. Die beiden Griffe des Songs von Uriah Heep sind im Vergleich der Wortschatz eines Autors. Es gibt Autoren, die schreiben mit dem Wortschatz eines Viertklässlers und stürmen damit die Charts.
Lady in Black eben.
Und es gibt Autoren, die haben einen derartig gewaltigen Wortschatz, dass man damit eine Enzyklopädie füllen könnte.
Nehmen wir hier als musikalisches Beispiel »Bohemian Rhapsody« von Queen.
Tempowechsel, überraschende Klangeffekte, a Capella Gesang, dröhnende Gitarren, sanftes Klavier … alles in einem Song vereint. Eine Oper in etwa 11 Minuten Spielzeit, je nach Version.
Episch.
Beiden Autorentypen, dem Minimalisten mit dem Wortschatz eines Viertklässlers ebenso, wie dem Genie mit dem Wortschatz einer Enzyklopädie, ist aber eines gemein:
Sie haben ein Gefühl für den Rhythmus und die Melodie von Sprache. Lange Worte lösen kurze und knappe ab, ebenso lange Bandwurmsätze oder knappe Einzeiler. Auf der nächsten Ebene sind es dann die Absätze und die Kapitel, die aus einem guten Buch, egal mit welchem Wortschatz verfasst, eine Art Konzeptalbum machen. Jeder Absatz, jedes Kapitel ein eigener Song, der wie ein Ohrwurm im Kopf des Lesers kleben bleibt.
Ganz am Anfang dieses kleinen Schreibratgebers habe ich gesagt, dass gutes Schreiben wie eine gelungene Verführung ist. Versuchen Sie mal jemanden in die Kiste zu bekommen, wenn sie so spannend und moduliert reden, als müssten Sie ein Telefonbuch in Kantonesisch vor einem Klassenzimmer voller Prüfer vortragen.
Dat wird nix!
(Sehen Sie was ich meine? Ein langer Satz als Einleitung, mit einer Metapher garniert und dann Zack! Ein knapper Einzeiler als Pointe.)
Wer also wirklich unterhaltsam schreiben möchte, sollte nicht nur viel lesen, er sollte sich auch viel Musik anhören oder Filme anschauen. Schnelle Passagen / Schnitte wechseln sich mit ruhigeren ab, Zeitlupen, Schwenks etc. pp.
Und so sollte unterhaltsames Schreiben auch aussehen.
Fragen Sie sich immer, wie sie ihre Leser und Leserinnen an den Haaren packen können. Sie müssen sie zwingen die Haltestelle zu verpassen, die Sitzungen auf dem stillen Örtchen in die Länge zu ziehen und ihre jeweiligen Partner mit den Worten »Nur noch diese eine Seite« abzuweisen. Überlegen Sie sich, ob sie die Geschichte die sie schreiben möchten lieber als Lady in Black oder als Bohemian Rhapsody erzählen möchten.
Sprachmelodie und -rhythmus sind dafür ihre Werkzeuge.
Singen Sie ihre Leser und Leserinnen in eine Trance, in der die dann wie die hypnotisierten Kaninchen durch ihr Wunderland gehen.
Dafür gibt es kein Rezept, keine Gleichung keine Bauanleitung. Das kann Ihnen niemand beibringen. Man muss einfach schreiben, lesen, zuhören und nochmal schreiben.
Sagte ich schon, dass unterhaltsames Schreiben eine verflucht zeitintensive Arbeit ist? 😉

Lektion 12
Endlos lange Sätze sind für einen Text ebenso tödlich, wie 300 Seiten Telegrammstil. Der Rhythmus und die Melodie der Sprache müssen den Leser einlullen.
Entwickeln Sie ein Gefühl dafür, wie Sie ganz persönlich mit Worten, Sätzen, Absätzen und Kapiteln ihr ganz persönliches Konzeptalbum, ihren Rocksong, ihre Melodie komponieren. Das ist bei jedem Autor anders und kann nur durch viel Übung und Zuhören erarbeitet werden. Niemand mag monotones Labern ohne Betonung.

Ich wünsche allen Besuchern meines Blogs ein tolles Wochenende und … hören Sie mal wieder bewusst ein gutes Lied. Achten sie auf den Rhythmus, die Melodie und das Zusammenspiel der verschiedenen Instrumente. Sie werden erstaunt sein, wie gut sich gerade die ganz alten Dinger, die noch ohne monotone Computertechnik aufgenommen wurden, in ihre Ohren gehen.

D.J.Franzen

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Über das Schreiben 4. Teil (Handwerk)

Was lange währt, wird endlich gut.
Hoffe ich zumindest, denn der Alltag und ein hartnäckiger Magen-Darm Virus haben mich ziemlich lange in Beschlag genommen.
Der Alltag ist wieder etwas ruhiger, der Großvater aller Magen-Darm Viren hat sich ein neues Opfer gesucht und bei mir nur seine (zum Glück schwächeren) Enkel zurückgelassen und ich komme endlich dazu, diese kleine Schreibratgeberserie fortzusetzen.
Ich möchte mich für die die lange Wartezeit entschuldigen, aber manchmal muss ein Mann eben tun, was ein Mann tun muss 😉

Weiter geht es also mit Kapitel…

11. »Zeig`s mir, Baby«
oder
»Sag es durch die Blume«

Der nächste Verwandte des aktiven Schreibens ist der zeigende Stil. Er ist, im Gegensatz zum schwarzen Schaf der Familie, dem behauptenden Stil, ein ziemlich quirliges Kerlchen, dem schnell mal die Pferde durchgehen.
Zu einem aktiven und zeigenden Stil gehören seine zahlreichen Cousins und Cousinen, die Metaphern, also vergleichende Bilder, die im Kopf des Leser Assoziationen hervorrufen sollen um die bewegten Bilder eines Films zu ersetzen.
Das ist wichtig, denn ein Text, der im Kopf des Lesers keine Bilder hervorruft, ist ein toter Text.
Man stelle sich eine Rockband vor, die auf der Bühne lustlos rumsteht. Da kann der Sound noch so rocken, der Funke springt nicht über. Und das wollen wir als Autoren von Unterhaltungsliteratur doch nicht, oder?

Schlechte Beispiele:
»Die Zigarette schmeckte ekelhaft.«
»Es war stockfinster.« / »Es war eine stockfinstere Nacht.«

Beides keine Glanzleistungen. Kann man zwar so stehen lassen, aber Blumentöpfe gewinnt man damit nicht. Beide Beispiele behaupten einfach etwas, ohne es im Kopf des Leser in Bewegung zu setzen. Oder um es mit einem Bild auszudrücken:
Die Band ist auf der Bühne, die Boxen dröhnen … und das Publikum schläft ein.

Wie schreibt man also zeigend, statt einfach nur zu behaupten? Wo liegen denn da die Grenzen?
Nun, man kann natürlich eine Behauptung aufstellen, um eine Szene oder ein Bild darzustellen. Ich glaube, es war Raymond Chandler, der im Hardboiled Genre einige der genialsten Behauptungen aufstellte und sie mit Metaphern an den Mann brachte.
»Die Zigarette schmeckte nach alter Matratzenfüllung.«
Okay, das dürfte auch einem militanten Nichtraucher zu einem Kopfbild verhelfen, selbst wenn er nie in seinem Leben alte Matratzenfüllung gekostet hat.
»Die Nacht war dunkler als ein Stall voller Hühnerärsche.«
Sehr bildreich, leicht ordinär aber passend zu Chandlers typischen Erzählstimme.
Zwei Beispiele von Behauptungen, die aber durch die verwendeten Metaphern Bilder zeigen. Damit sollte man jedoch möglichst sparsam umgehen, um den Code, den Sprache darstellt, nicht zu stark auszureizen. Also beginnt man damit, eine Szene / ein Bild nicht zu behaupten, sondern sie zu zeigen.
Bleiben wir mal bei den Beispielen, die ich eben nannte.

Die Zigarette
»Frank griff mit zitternden Fingern nach seiner Zigarettenschachtel. Sie war zerknitterter, als das Gesicht eines hundertjährigen Greises. Endlich hatte er einen Glimmstengel rausgefischt und sich zwischen die Lippen gesteckt. Ein Schnippen, ein tiefer Zug und Frank verzog angewidert das Gesicht. Er versuchte gleichzeitig zu spucken und seine Zunge an der Oberlippe abzureiben, während die Zigarette in die Dunkelheit flog.«

Viel länger, als die kurze, knackige Metapher.
Aber Geschwindigkeit ist nicht alles. Erst recht nicht in unserer optimierten Welt. Wer schnell schreibt, im Sinne von viel Information in möglichst kurzer Zeit, gerät in einen Telegrammstil ohne Melodie und Rhythmus.

Die tiefschwarze Nacht
»Nachdem Frank den Geschmack von verbranntem Aas wieder losgeworden war, steckte er die Hände tief in seine Jackentasche. Angestrengt lauschte er er auf die Geräusche der Umgebung und suchte nach verdächtigen Schatten. Verdammt! Konnte Pete keinen anderen Treffpunkt finden, als diese finstere Ecke hier? Frank war mit Sicherheit nicht nachtblind, aber um sich hier halbwegs zurechtzufinden und sicher zu fühlen, müsste man entweder ein Nachtsichtgerät haben oder die Sinne einer Fledermaus.«

Wieder ein längerer Text. Aber der Leser erfährt nicht nur wie die Zigarette schmeckt und das es verflucht dunkel ist, er lernt auch Frank etwas näher kennen und erfährt etwas über die Umstände, die ihn hierher brachten.

Und wenn man Metaphern und zeigenden Erzählstil kombiniert, kommt dann so etwas dabei heraus:

»Frank griff mit zitternden Fingern nach seiner Zigarettenschachtel. Sie war zerknitterter, als das Gesicht eines Greises. Endlich hatte er einen Glimmstengel rausgefischt und sich zwischen die Lippen gesteckt. Ein Schnippen, ein tiefer Zug und Frank verzog angewidert das Gesicht. Die Zigarette schmeckte nach alter Matratzenfüllung. Oder verbranntem Aas vielleicht? Egal. Er versuchte gleichzeitig zu spucken und den ekelhaften Geschmack auf seiner Zunge an der Oberlippe abzureiben, während die Zigarette in die Dunkelheit flog. Nachdem Frank den Geschmack von verbranntem Aas wieder losgeworden war, steckte er die Hände tief in seine Jackentasche. Angestrengt lauschte er er auf die Geräusche der Umgebung und suchte nach verdächtigen Schatten. Verdammt! Konnte Pete keinen anderen Treffpunkt finden, als diese finstere Ecke am Hafen? Frank war mit Sicherheit nicht nachtblind, aber um sich hier halbwegs zurechtzufinden und sicher zu fühlen, müsste man entweder ein Nachtsichtgerät haben oder die Sinne einer Fledermaus.«

Lektion 11
Lesen ist Kopfkino ohne Bilder auf einer Leinwand oder einem Monitor. Aktives Schreiben (siehe 10) und zeigendes Schreiben mit eingestreuten Metaphern, hilft dem Leser die Geschichte aktiver zu erleben, weil er sich beim Lesen Bilder vorstellen kann, die er vor seinem geistigem Auge sieht. Wer als Autor alles passiv geschehen lässt, einfach nur Behauptungen aufstellt und keine Bilder im Kopf des Lesers malt, wird die Leser nicht dazu bringen, weiterzulesen.
Da kann die Idee zu der Geschichte noch so gut sein.
Sie ist tot, weil sie nicht mehr zuckt.

Im nächsten Teil geht es dann um den eben angesprochenen Sprachrhythmus und um Geschwindigkeit.
Letztere ist nämlich keine Hexerei.

D.J.Franzen

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Über das Schreiben 3. Teil (Handwerk)

Weiter geht es mit meinem kleinen Schreibratgeberprojekt.
Heute möchte ich etwas über Adjektive und aktives Schreiben los werden.

9.Adjektive
»Meide das Adjektiv!«, wird allenthalben in Autorenforen verlangt.
Toll.
Ein Text ohne Eigenschaftswörter klingt wie eine Gebrauchsanleitung für Präservative. (Obwohl darin in der Regel auch ein Adjektiv versteckt ist. »Erigiert«. Es sei denn, die Anleitung zum Gebrauch eines solchen Verhütungsmittels bedient sich eines etwas vulgäreren Wortschatzes und sagt: »Zieh die die Tüte über den Ständer und dann leg los, Alter!«
Ein Text ohne Adjektive ist also nicht möglich und steht somit im Widerspruch zu der oben genannten Forderung. Deshalb muss man diese Forderung mit anderen Augen lesen:
Zu viele Adjektive können einen Text schwülstig oder zuckersüß daherkommen lassen. Sie können vom wesentlichen ablenken. Daher ist es die Aufgabe des Autors, die Adjektive dosiert und gut durchdacht einzusetzen. Hier spielt auch die Erzählstimme (gehe ich später drauf ein) eine Rolle.
Manchmal kann man Adjektive auch durch knackige (weil kurze) Metaphern ersetzen.
Aber Vorsicht!
Auch dabei macht die Dosierung das Gift erst richtig wirksam oder schlimmstenfalls tödlich.

Lektion 9
Adjektive sind nicht einfach böse. Sie sind ein total hinterhältiges Gift, dass jeden Text zersetzen kann! Aber zugleich sind sie auch eine hochwirksame Medizin. Überdosiert tötet dieses Gift jeden Text. In der richtigen Mischung und Dosis wirken sie wie Doping für das Kopfkino des Lesers.

10. Aktiv schreiben
Damit ist nicht gemeint, dass man sich als Autor einer gewissen Disziplin unterwerfen sollte. Das sollte man sowieso. Vielmehr geht es darum, die Verben eines Satzes aktiv einzusetzen.
Wenn ich damals im zarten Alter von 12 meinen Freunden gesagt hätte, dass mir meine damalige Freundin einen Kuss (mit Zunge!) gegeben hat, hätte ich nicht mehr als ein »Bääh!« oder »Weichkeks!« geerntet.
Warum?
Ganz klar, ich habe mich in dieser Satzkonstruktion küssen lassen (passiv). Starke Kerle sind NIE passiv!
Stattdessen habe ich erhobenen Hauptes gesagt, dass ich sie mit Zunge geküsst hätte und war prompt der Held des Tages. Ich habe die Sache aktiv beschrieben. Ich habe etwas getan und nicht mir machen lassen. Ich hätte es auch so sagen können, das wir uns gegenseitig mit Zunge geküsst haben. Ist immer noch aktiv. Hauptsache, ich habe nichts passiv mit mir machen lassen, sondern aktiv ins Geschehen eingegriffen.
Und so ist es mit beim Schreiben auch.
Selbst wenn der Held gefesselt auf einer Streckbank liegt und gefoltert wird, sollte man das aktiv beschreiben. Dann wechselt man entweder die Perspektive und beschreibt die Szene aus den Augen des Folterers oder man schaut durch die Augen des gefesselten Helden und beschreibt aktiv, was er da erlebt.

Beispiel I (passiv)
Hans Wurst lag hilflos auf der Streckbank. Man hatte ihn auf die Bank gelegt und gefesselt, solange die Betäubung des Nervengifts noch wirkte. Seine Hände und Füße waren so kalt wie Eisklumpen.

Lektorat dazu:
Das Adjektiv »hilflos« brauchen wir nicht. Wer gefesselt auf einer Streckbank liegt, wird wohl kaum eine Polka tanzen. Ob unseren Helden der Hexer oder seiner Helfershelfer auf die Bank gelegt hat, ist egal. Es sei denn, diese hier nicht genannten Helfer spielen noch eine Rolle oder es muss nochmals gezeigt werden, wie stark der Hexer ist (schlaffe Körper zu tragen ist `ne ziemlich harte Sache). So oder so, ist der Satz ätzend passiv.
Weinerlich.
Hans Wurst in seinem Bericht: »Ich wurde auf die Streckbank gelegt und gefesselt.« Boooah, da fehlt nur noch »Mami!« am Ende des Satzes und die Heulsuse ist fertig.
Die Hände und Füße so kalt wie Eisklumpen … auch weg damit. Wenn die Dinger wirklich so kalt wären, hätte Hans Wurst eh nie wieder Verwendung dafür. Viel zu übertrieben.

Beispiel II (Die gleiche Szene überarbeitet und möglichst aktiv beschrieben)
Hans Wurst lag auf der Streckbank. Das Gift, dass seine Muskeln lähmte verlor langsam an Wirkung (schön aktiv, oder?), doch egal was er auch versuchte, Hans bekam nicht mehr als ein Zucken der Wimpern zustande (und wieder aktiv. Der Held kämpft, wenn auch vergebens). Der Hexer von Wolfenbüttel zog die Fesseln an seinen Hand- und Fußgelenken so fest an, dass Hans seine Hände und Füße nicht mehr spürte. (Und jetzt sehen wir einen aktiv beschriebenen Hexer und haben die aktive Erklärung für die kalten Hände und Füße von Hans)

Lektion 10
Aktives Schreiben ist enorm wichtig, wenn die Leser mit den Figuren leben, lieben, leiden, kämpfen sollen. Kein Mensch mag Heulsusen, die geküsst werden, statt selber die Dinge in die Hand zu nehmen.
Vor allem hilft die aktive Verwendung von Verben dabei die Dinge zu zeigen, statt sie zu beschreiben.

Im Nächsten Teil geht es dann auch darum, dass man die Dinge zeigen sollte, statt sie zu beschreiben und um Metaphern

Bis dahin, alle Besuchern meines Blogs eine gute Woche.
Und … küssen Sie mal wieder.
Schön aktiv und mit Zunge 😉

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Über das Schreiben 2. Teil (Grundlagen)

Weiter geht es mit dem kleinen und nicht ganz ernst gemeinten Schreibratgeber.
Heute geht es um Professionalität, Pläne und Furzlogik 😉

4. Professionalität
Tolles Wort, nicht wahr? Dahinter verbergen sich aber weder eine Tweedjacke mit Lederaufnähern an den Ellenbogen, noch eine Nickelbrille, die einen Autor intelligent und weise aussehen lässt, noch das Lippenbekenntnis, dass man überhaupt schreibt. Professionalität bedeutet, seinen Text bestmöglich einer (hoffentlich) interessierten Menschheit zu präsentieren. Wer mit einem Verlag zusammenarbeiten will, zeigt bereits Professionalität, wenn er seinen Text in einer lesbaren Form anbietet. Lesbar bedeutet:
– korrekte Rechtschreibung (der Duden ist sogar online erreichbar und mit fast jeder Schreibsoftware kombinierbar)
– Der Text ist im Normseitenformat verfasst. 30 Zeilen zu je 60 Anschlägen in einer Schriftart, die keine Serifen hat (Courier New ist so eine), mit anderthalb Zeilen Abstand, linksbündig mit Flatterrand. Dialoge und Absätze ca. 3 Zeichen tief automatisch eingerückt und in ausgedruckter Form bitte ohne doppelseitigen Druck oder Bienchen und Blümchen und sonstigen Verzierungen an den Rändern. Letztere werden – wie auch die Rückseiten bei ausgedruckten Manuskripten – für die Anmerkungen eines Lektors genutzt. Die Normseite hat zudem Kopf- und Fußzeile. Die Kopfzeile enthält Name des Autors, Titel des Manuskripts und Seite x von y für den Überblick über den Gesamtumfang des Ganzen. Die Fußzeile enthält nochmals den Namen des Verfassers und seine Kontaktdaten.

Professionalität bedeutet aber auch, nicht den ersten Entwurf sofort an einen Verlag zu senden! Es gibt nur Einen, der von Anfang alles richtig gemacht hat.
Gott. (Obwohl ich da so meine Zweifel habe.)
Der Autor mag in seiner Welt die er entwirft Gott sein. Aber wenn er diese Welt anderen Menschen anbietet, war es das mit der Göttlichkeit. Dann gehört diese Welt anderen Menschen und sie werden sie misstrauisch begutachten, zu ihrer eigenen machen, Fehler entdecken, Logiklöcher finden durch die ein Supertanker im Dunkel und ohne Radar durchschippern könnte … (In diesem Sinne hat Gott doch alles richtig gemacht, aber wir haben es nur verschlimmbessert? Egal, das ist `ne andere Baustelle.) Also heißt es Schreiben, den Text liegen lassen um Abstand zu gewinnen, erneut lesen und überarbeiten, wieder liegen lassen … sagte ich schon, das unterhaltsames Schreiben zeit- und arbeitsintensiv ist?

Lektion 4
Professionalität ist hart erarbeitet und muss ständig gepflegt werden. Wer sich auf seinen Lorbeeren ausruht, ist weg vom Fenster oder kommt gar nicht erst dahin.
Ein Manuskript in Normseiten und mit halbwegs ordentlicher Grammatik und Rechtschreibung wirkt diesbezüglich wahre Wunder und ist der erste Schritt ernst genommen zu werden.
Der Zweite ist, sich darüber im Klaren zu sein, dass die erste Fassung immer Mist ist.
Der dritte Schritt ist, zu erkennen, dass man noch mehr Zeit und Arbeit in sein Manuskript investieren muss, damit es besser wird.

5.Kenne deinen Feind
Was auf den ersten Blick wie eine Erwerbsregel der Mafia klingt, ist in Wahrheit eine ganz banale Tatsache.
Wer als Fußballprofi sein Geld verdient, der wird nicht nur trainieren und selber spielen, er wird sich auch regelmäßig die Spiele anderer Mannschaften ansehen. Immerhin muss er ja wissen, was die anderen so drauf haben.
Für den Autor heißt das:
Lesen, lesen, lesen und nochmals lesen.
In der Bahn, in den Pausen, im Bett, im Flugzeug und auf everybodys Lieblingsort, dem Klo. Wer nicht liest, der weiß nicht was es schon gibt, was funktioniert und was wie brauner Abrieb auf dem Papier liegt. Wer nicht liest, der lernt nicht, was man mit welchen Worten in welcher Kombination erreichen kann.
Kurz gesagt:
Wer keine Zeit oder keine Lust hat, mehr als die nackten Brüste in der Zeitschrift mit den vier Buchstaben anzustarren (lesen will ich das jetzt mal nicht nennen) der sollte das Schreiben vergessen und ab hier aufhören zu lesen. Denn Schreiben ist zeit- und arbeitsintensiv (hängt es schon zum Hals raus? Gut. Kommt nämlich noch öfter!)
Und dazu gehört auch das Lesen.
Ein Arzt, der keine Fachbücher liest, ist schnell nicht mehr auf dem neusten Stand der Forschung. Ein Lehrer der nicht liest bringt seinen Schülern nur noch alten Mist bei, denn die Welt ist schneller geworden und wichtige Informationen und neue Erkenntnisse sind im Übermaß und schneller vorhanden, als noch vor wenigen Jahren.
Lesen bildet.
Ein Autor sollte in Sachen Literatur immer up-to-date sein. Das geht nur, wenn er viel und am bestem querbeet liest. Lesen und Schreiben sind nur zwei Aspekte ein und der selben Sache und werden uns nicht umsonst als Einheit schon in der Grundschule beigebracht. Mathe lernen, ohne selber zu rechnen ist wenig zweckbringend. Schreiben zu wollen, ohne dabei auch selber zu lesen, ist arrogant bis zum abwinken.

Lektion 5
Schreiben ohne zu lesen ist arrogant. Wer nicht viel und möglichst querbeet – vor allem aber in dem Genre, in dem er selber auch schreiben will – liest, vielleicht weil er dazu weder Zeit noch Lust hat, sollte nicht sich gar nicht erst mit dem Gedanken tragen, seine Worte zu Papier zu bringen.
Es gibt übrigens noch freie Plätze im Batik-Kurs auf der VHS für diejenigen, die keine Zeit zum Lesen haben. Melden Sie sich sich bitte im Sekretariat.

6. Der Plan und das Notizbuch
Es gibt die verschiedensten Typen von Autoren.
Es gibt den Bauchschreiber, der vermeintlich drauflos schreibt, den Minimalisten, der sich nur ein kurzes Exposè erstellt bevor er loslegt und es gibt den Pedanten, der jedes noch so kleine Detail vorab plant, aufschreibt und minutiös niederlegt, bevor er sich an die ersten Sätze seines Werks macht.
Allen ist aber eines gemeinsam:
Sie wissen wo sie mit ihrem Text hin wollen.
Selbst der Bauchschreiber hat eine Idee, und sei es nur eine Endszene oder eine Figur, auf der alles basiert.
Was heißt das im Klartext?
Ganz einfach:
Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt.
Im Fall des Schreibens heißt das, der Autor sollte vorher ganz grob wissen WAS er da überhaupt erzählen will. Weiß er das nicht, läuft er Gefahr dass sich sein Text irgendwo im Nirgendwo verliert, dass er plötzlich nicht mehr weiß wo er ist und wo er hinwollte. Dem kann man mit einem Plan und harter, disziplinierter Arbeit entgegenwirken. Sagte ich schon, dass man jeden Tag schreiben sollte? (Zum Kotzen, nicht wahr? Schon wieder harte und zeitintensive Arbeit. Ja, das Leben als Autor ist eben keine Kur auf dem Ponyhof.) Nun, wenn man ohne Plan loslegt und undiszipliniert einfach mal hier und da a bisserl rumtipperlt, wird das nichts mit dem Roman, der Novelle, der Kurzgeschichte. Ein Plan kann dabei helfen, auch Durststrecken zu überstehen. Tage, an denen man in seiner Schreibzeit nur Mist verzapft. Ein Plan kann dabei helfen im Wust seiner Ideen den richtigen Weg zu finden.
Und wie hält man Pläne fest?
Ich persönlich gehe nirgends ohne Notizbuch hin.
Selbst auf dem Klo habe ich eines griffbereit, denn wie oft hat man während einer Sitzung DEN Einfall für eine geniale Dialogzeile, die aber im Überschwang der Erleichterung (oder den von Faulgasen benebelten Sinnen) wieder aus dem Kopf verschwindet?

6.Lektion
Habe immer einen Plan für dein Schreiben – egal wie grob er auch sein mag – und habe immer ein Notizbuch griffbereit. Ideen sind flüchtiger wie Darmwinde und hinterlassen im Gegensatz zu ihren entfernten Verwandten noch nicht einmal den Hauch einer Erinnerung.

7.Humor, Ängste, Hoffnungen und Furzlogik
oder
Schreibe nur über das, was du auch kennst

Ein guter Text ist immer wie eine gelungene Verführung kurz vor dem Finale eines One-night Stands. Am Ende hat man den oder die Auserwählte in der Kiste.
Und so sollte auch jeder unterhaltende Text geschrieben werden. Wie eine gelungene Verführung, bei der die Leser dem Autor bereitwillig ins Schlafzimmer folgen, damit er ihnen seine Briefmarkensammlung (oder meinetwegen auch seine Lockenwickler) zeigen kann. Dafür muss man sich als Autor mächtig ins Zeug legen und auch etwas von sich selber preisgeben. Leser spüren es sofort, wenn ein Text unehrlich geschrieben wurde.
Ich bin zum Beispiel im Grunde meines Herzens immer noch ein Knirps von Zwölf Jahren. Ich glaube immer noch daran, dass ich eines Tages zum Mond fliegen kann, dass sich in Golfbällen eine zähe, grüne Masse befindet, die ätzend und hochgiftig ist, das man Vampire mit Stinkbomben bekämpfen kann, weil die einen hochkonzentrierten Knoblauchextrakt enthalten und mehr als einmal erwische ich mich dabei, wie ich mit der Ehrfurcht, die eben nur kleine Kinder und erwachsene Männer zuwege bringen, in die Kloschüssel starre und mich frage, wie zur Hölle ich DAS DA wohl hinbekommen habe.
Humor, Ängste, Hoffnungen und Furzlogik also.
Zieht sich durch alle meine Texte.
Manche mögen es, andere nicht und ich kann damit leben. Denn ich bin ehrlich und muss mich morgens beim rasieren (Verdammt! Bin ich schon so alt?) nicht schämen, weil ich die Menschen, die meine Texte kaufen, anlüge. Wenn ich schreibe lege ich all das Zeugs in meine Texte, das mich bewegt, die Erfahrungen meines bisherigen Lebens und die Dinge, die ich aus eigenem Erleben kenne.
Ich kenne Menschen.
Einige nett, andere weniger nett.
Und Jobs.
Jede Menge Jobs.
Manche Schön, andere nicht.
Das sind die Dinge, die ich kenne, das sind die Dinge die mich lachen und weinen machen, die mich ängstigen oder mich mit einer reinen und unverfälschten Freude jauchzen lassen. Und diese Dinge mische ich mit recherchiertem Wissen und einer guten Prise Fantasie, denn die Sachen, die ich so schreibe, sind weit jenseits dessen, was man real nennen könnte.
Und nein, ich schreibe keine Arzt- oder Bergsee- oder Adelsromane 😉
»Schreibe nur über das, was du auch kennst« ist ein allgemein oft genutzter Rat von Schreibratgebern und Schreibforen. Den sollte man nicht wortwörtlich nehmen. Ein Text besteht nicht nur aus Recherche und studiertem Fachwissen. Ein Text besteht zu 99% aus erlebter Menschlichkeit und dem, was der Autor von Menschen und der Welt weiß, von dem was ihn bewegt, was ihn lachen und weinen lässt. Dabei ist es egal, ob man Science Fiction, Horror oder den nächsten großen deutschen Gegenwartsroman schreiben will. Gute Literatur handelt immer von Menschen. Jeder, der dem Autor etwas anderes sagt, gehört umgehend in ein Dixiklo bei 40° im Schatten eingesperrt.
Vorzugsweise, nachdem es in der Kantine Chilli mit roten Bohnen gab.

7.Lektion
Schreibe über das was du kennst, so wie du es empfindest und so wie du es siehst und erlebst bzw. erlebt hast. Pflege deinen Humor, aber sei auch bereit dich selber beim Schreiben mal zum Weinen zu bringen, denn Ehrlichkeit kommt immer weiter, als pure Habgier und Lügen. Und wenn eine deiner Figuren Blähungen hat … raus damit. Ein Lacher und eine gerümpfte Nase sind immer besser, als fremde Gefühle und Erfahrungen, die im Grunde doch nur erstunken und erlogen sind.

Damit sind die Grundlagen des Schreibens abgehandelt.
Ehrlichkeit, Diszliplin und harte Textarbeit.
In den nächsten Teilen gehe ich auf das Handwerk des Schreibens ein, wie ich es verstehe.
Auch wieder mit einem Zwinkern und einem Grinsen.
So bin ich eben.

Bis dahin

D.J.Franzen

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Über das Schreiben, Teil 1 (Grundlegendes)

Vor kurzem hat mich ein Freund gebeten, ihm etwas über das Schreiben unterhaltsamer Texte zu erzählen.
Ich war baff erstaunt, dass er ausgerechnet mich fragte, bin ich doch eigentlich der Letzte, den man um so einen Gefallen bitten sollte.
Aber okay, ich fühlte mich ob dieser Anfrage ordentlich gebauchpinselt und habe ihm versprochen das Wenige, das ich über unterhaltsames Schreiben zu zu wissen glaube, aufzuschreiben.
Herausgekommen ist dabei ein nicht ganz ernst gemeinter Schreibratgeber, den ich hier dann auch in mehreren Folgen einstelle.

Viel Spaß mit »D.J. und wie er das Schreiben sah« 😉

Teil 1 »Grundlagen«

1. Schreiben kann jeder
Falsch.
Unterhaltsames oder informatives Schreiben ist zu 1% Talent und zu 99% harte Arbeit. Als Testleser, aber auch als zahlender Konsument, habe ich in den letzten 18 Jahren schon sehr vieles gelesen das alles Mögliche war, aber weder unterhaltsam noch informativ. Wer so schreiben will, das andere Menschen es gerne lesen und vielleicht sogar Geld dafür ausgeben, sollte sich von dem Bild des gedankenverloren in die Welt starrenden Schriftstellers, der auf den göttlichen Funken wartet, verabschieden.
Schreiben frisst.
Zeit, Freundschaften und Kraft.
Wer nur mal eben zwischendurch, zwischen 12:00 Uhr und Mittags Zeit zum schreiben findet, sollte seine Ergüsse bitte in der Schublade behalten. Wer nicht dazu bereit ist, in das Schreiben Zeit und Kraft zu investieren, der sollte hier abbrechen und besser nicht weiterlesen.

Lektion 1
Schreiben ist zeitintensives und kontinuierliches Arbeiten an sich selbst und an seinem Text.
Schreiben ist egoistisch und verlangt viel.
Vor allen Dingen Zeit.

2.Disziplin und Zeitmanagement

Wenn Schreiben also harte Arbeit ist, dann ist die wichtigste Tugend des angehenden Autoren Disziplin. Die erreicht man durch Zeitmanagement. Wer, wie oben bereits gesagt, im Trubel des Alltags, zwischen dem Pfeifen der neuesten Whats-App Nachricht und dem umpfzigsten Selfie oder der »Ich hatte gerade Stuhlgang!«-Meldung auf Facebook, zwischen Familie, Freunden, Ehefrau und Geliebter nicht bereit ist, mindestens 2 Stunden zusammenhängender und konzentrierter Schreibzeit pro Tag irgendwie zusammen zu bekommen, der sollte es vergessen und sich von diesem Traum (und von diesem kleinen »Ratgeber«) verabschieden.
Nichts ist für einen zahlenden Leser schlimmer, als ein zwischen Tür und Angel oder am Wochenende zwischen Disco und Tatort dahingerotzter Text, an dem der Autor unkonzentriert und planlos gesessen hat. Das ist sogar im allerhöchsten Maße respektlos, wie ich finde. So ein Text stiehlt den Lesern Zeit und schlimmstenfalls auch Geld.
Wie bekommt man diese Zeit?
Das ist jedem selbst überlassen. Ich selber habe oft »Nachtschichten« eingelegt, weil mir ein tobsüchtiger Alltag das Schreiben zu christlichen Zeiten versagte. Zu anderen Zeiten habe ich mich bewusst zurückgezogen und meiner Umwelt gesagt, dass ich für die nächsten X Stunden nicht gestört werden möchte, ganz egal, ob die Toilette Würstchenwasser hochrülpst, der Hund ferkelt, die Katze kalbt oder ein Meteorit von der Größe des US-Bundesstaates Texas auf die Erde zurast.
Der nächste Punkt in Sachen Disziplin und Zeitmanagement:
Jeden Tag schreiben.
Egal ob Weihnachten, Ostern oder Geburtstag. Gutes Schreiben erfordert Training und brutale Regelmäßigkeit, so wie der Muskel eines Sportlers. Wird der Muskel nicht regelmäßig trainiert wird, verkümmert er. Verdammt, selbst Hooligans trainieren jeden Tag, damit sie am Wochenende, wenn es darauf ankommt, fit sind.
Autoren müssen immer fit und bereit sein.
Wer nicht dazu bereit ist, seine Umwelt und den Alltag bewusst und jeden Tag für eine feste Zeit auszublenden, der sollte es bleiben lassen.
Oder einen Anfängerkurs für Batik auf der VHS belegen.

Lektion 2
Unterhaltsames Schreiben ist konzentrierte Arbeit und kein Hobby, das man nebenbei pflegt und sich am Wochenende oder nach Lust und Laune dransetzt, um mal ein paar Worte zu tippen. Schreiben ist egoistisch.
Der Autor muss also auch egoistisch werden.

3. Kenne und pflege deine Werkzeuge

Die Werkzeuge des Autors sind sein Wortschatz (3.1), seine Beobachtungsgabe, seine Menschenkenntnis (beide 3.2) und sein bevorzugtes Schreibutensil (3.3).

3.1 Wortschatz
Damit sind nicht die Kenner von Kreuzworträtseln angesprochen, die mäandernde Flussläufe, verbrämte Hasardeure oder sonstige Worte kennen, die im Alltag kaum Anwendung finden. Mit Wortschatz ist gemeint, in jeder Lage des Alltags die passenden Worte zu finden. Wen einem auf einem Mittelaltermarkt die jähe Ladung lautstark durch die Därme saust, ist ein »Mich deucht, mir ist ein Lüftchen entfleucht«, vielleicht angemessen. In einer Runde einfacher Arbeiter ist es jedoch meistens so, dass nur Wissenschaftler in Schutzanzügen der Klasse III, Männer und kleine Kinder die entflohenen Körpergase mit einer nahezu religiös-andächtigen Ehrfurcht olfaktorisch begutachten und kommentieren können. Ein »Heilige Scheiße! Es hätte mich fast zerrissen!«, oder »Alter! Du stinkst nach tausendjähriger Verwesung!« ist hier passender.
Wofür das gut ist?
Ganz einfach:
Jede Figur, die ein Autor entwirft, hat einen eigenen Bildungsstand, eine eigene Sprache und eine ganz persönliche Art und Weise die Welt zu sehen und in Worte zu fassen. Die Aufgabe des Autors ist es, diese Stimmen seiner Figuren für die Leser nachvollziehbar zu machen. Eine alte Oma, die sich einen Hammer auf den Finger haut wird vielleicht »Scheibenkleister!« rufen. Aber ein Bauarbeiter wird sich mit Sicherheit keinen »Fluch zwischen den Lippen verbeißen« (bitte so etwas niemals verwenden! Solche indirekten Dialoge sind meine ganz persönlichen Hassobjekte. Und damit stehe ich nicht alleine da.) sondern herzhaft seinem Unmut Luft verschaffen. Das wird den Autor nicht unbedingt eine Einladung zu Tante Käthes Teekränzchen verschaffen, gehört aber zu guter Unterhaltung eben dazu.
Lesen ist Kopfkino.
Dialoge sind der Soundtrack dazu.
Ist der nicht den Figuren entsprechend oder sogar vom Autor unehrlich komponiert, weil er auf sein Ansehen bedacht ist, ist der ganze Text Scheiße. 😉

Lektion 3.1
Bauarbeiter fluchen oft vulgär, Rohrspatzen schimpfen schrill und Omas leise und mit Anstand.
Alles andere ist gequirlter Quark.

3.2 Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe
Autoren sollten ihre Umwelt und ihre Mitmenschen gut beobachten. Wie schon unter 3.1 gesagt, wird eine Oma anders fluchen als ein Bauarbeiter und ein Mensch aus dem Mittelalter anders reden als einer aus der Neuzeit. Dazu kommen die verschiedenen Verhaltensweisen, die auch die Figuren des Autors an den Tag legen sollten. Es gibt Menschen, die schauen auf imaginäre Punkte hinter einem, wenn sie mit jemandem reden, es gibt solche die wissen nicht wohin mit ihren Händen, andere popeln in der Nase, wenn sie sich unbeobachtet fühlen … Lesen ist Kopfkino.
Die Aufgabe des Autors ist es, die Bilder im Kopf des Lesers am Laufen zu halten und sie angemessen zu seinen Figuren zu komponieren. Gleiches gilt für die Welt als Ganzes. Wetter, Gerüche, Temperaturen, Gebäude, Gegenden und immer wieder die Menschen.
Wie ist dieser Mensch so geworden?
Was mag seine Geschichte sein, sein Background?
Warum verhält er sich jetzt so?
Wie empfinde die jetzige Situation?
Wie kann ich das Gebäude / den Wald / die Luft / den Geruch plastisch beschrieben?
usw. usf.
Die essentiellen Fragen eines jeden Autors.
Die sollte sich jeder, der sich an einen unterhaltsamen Text begibt, immer wieder stellen.

Lektion 3.2
Der Autor muss mit offenen Sinnen durchs Leben gehen. Das ist ein wichtiges Werkzeug für sein späteres Schreiben, denn er muss die Welt und die Figuren, die er entwirft, für seine Leser erlebbar und nachvollziehbar machen. Und manchmal kann man sogar den in der Nase popelnden Sitznachbarn aus der S-Bahn irgendwo verwenden.

3.3 Das Schreibutensil

Egal, ob man mit Faustkeil und Fels, Kohlestück und Pergament, Bleistift und Papier oder Computer und Software schreibt, der Autor sollte seine Hardware kennen und mit ihr umgehen können. Noch besser: Er muss sie blind beherrschen, damit er sich in seiner Schreibzeit voll auf seine wichtigste Aufgabe konzentrieren kann.
Dem Schreiben von unterhaltsamen Texten.
Ob man dafür jetzt hochgezüchtete Software nutzt, oder voll retro auf Schreibmaschine, ist vollkommen egal. Wichtig ist, dass die Bedienung des Schreibutensils mit all seinen Funktionen für ihn so selbstverständlich ist, wie der morgendliche Gang zum Klo.
Wer mitten im Schreibfluss darüber nachdenken muss, wie er den Bleistift spitz kriegt, wo er das Tipp-Ex versteckt hat oder wie die Rechtschreibkorrektur einschaltet, ist raus aus dem Rennen.

Lektion 3.3
Der Autor muss mit seinem bevorzugten Schreibgerät und all seinen Funkionen so sehr vertraut sein, dass er die Funktionen – wie dereinst im Religionsunterricht die zehn Apostel – auch im Halbschlaf runterbeten und sein Schreibgerät bedienen kann.

Im nächsten Eintrag geht es dann um Professionalität, Kenntnisse über den Feind, Pläne, Notizbücher und Furzlogik

Bis dahin

D.J.Franzen

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Masken

Wir alle tragen sie, als wäre das Leben ein Kostümball im Venedig der Renaissance.
Wir tänzeln umeinander herum und durch das Leben – die Einen leichtfüßig und grazil, die Anderen mit der dumpfen Verbissenheit des Tanzanfängers – und halten sie uns dabei vor das Gesicht, damit uns niemand in der wogenden See der Gesichter erkennt.
Manche dieser Masken wirken geheimnisvoll, andere emsig. Einige sind verwegen, andere kokettieren mit Schüchternheit und nur ganz wenige zeigen einen subtilen Humor der uns lachen lässt, aber bei einem zweiten Blick manchmal auch nachdenklich stimmt.
Und gerade Letztere war die Maske des Robin Williams, dem lachenden Pausenclown, dem dunklen Psyophaten, dem unglaublichen Entertainer.
Wir lachten über ihn, wir weinten mit ihm und einige wenige Male folgten wir ihm auf eine dunkle Seite, die wir von ihm gar nicht sehen wollten.
Viel lieber flogen wir mit ihm als Peter Pan und hofften, die guten Gedanken nie zu verlieren. Wir kämpften mit ihm mit einem lachenden und einem weinenden Auge als Mrs. Doubtfire um seine Kinder und wir sahen den nachdenklichen Mann mit manchmal stillem und manchmal schrillen Humor als Radiomoderator in Good morning Vietnam oder als Lehrer für das Leben in Good Will hunting.

Ja, wir alle tragen Masken, während wir durch den Kostümball des Lebens rauschen.
Jetzt ist eine dieser Masken gefallen, ein wahres Gesicht hat sich offenbart.
Ein Gesicht, hinter dem ein Mensch mit großen Problemen und einer Krankheit steckte, die bei allem Gutmenschentum und allem Problembewusstsein immer noch belächelt und als „Drückerberger-Syndrom“ abgetan wird. Besonders gerne wird dies bei erfolgreichen Menschen gemacht.
„Die haben doch alles was sie sich wünschen können!“, hört man oft, sobald sich einer dieser Menschen als depressiv outet

Offenbar nicht.
Denn hinter der Maske des Mork vom Ork, dem Make-up der Mrs. Doubtfire und dem strahlenden Lächeln des Peter Pan verbarg sich offenbar ein schüchterner Mann voller Ängste. Er verbarg sie hinter der Maske des Clowns vor uns und schenkte uns dafür unzählige Stunden großer Unterhaltung.
Bis die Maske zu schwer wurde, die Krankheit die Überhand gewann und er sie endgültig auf Seite legte.

Ich persönlich glaube, dass keine Dialogzeile zu Robin Williams je so gut gepasst hat, wie jene Zeile aus einem Gedicht von Walt Whitman (1819–1892) in dem Film „Club der toten Dichter“:
„Ich brülle mein barbarisches Johoo über die Dächer der Welt.“

Gut gebrüllt Löwe.
Kehre zurück nach Ork und erstatte deinem Vorgesetzten Orson Bericht über die merkwürdigen Sitten und Gebräuche der Menschen.

(In Memoriam Robin Williams, * 21. Juli 1951 in Chicago, Illinois; † 11. August 2014)

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